Roboterjournalismus

 

  1. Was ist Robo­ter­jour­na­lis­mus?
  2. So gene­riert ein Robo­ter jour­na­lis­ti­sche Tex­te
  3. Bei­spie­le für Robo­ter­jour­na­lis­mus
  4. Wo sind die Gren­zen von auto­ma­ti­sier­tem Jour­na­lis­mus?

 

 

Was ist Roboterjournalismus?

 

Robo­ter­jour­na­lis­mus, auch bekannt als “algo­rith­mi­scher Jour­na­lis­mus”, bezeich­net die Ver­wen­dung von Daten und Com­pu­ter­pro­gram­men zur Pro­duk­ti­on von Nach­rich­ten­bei­trä­gen. Die wei­tes­te Ver­brei­tung fin­det Robo­ter­jour­na­lis­mus in Gen­res, für die eine gro­ße Men­ge an Daten ver­füg­bar ist. The­ma­tisch sind das Fel­der wie z.B. Sport­be­richt­erstat­tung, Finanz-News, Wet­ter­be­rich­te oder Ver­kehrs­mel­dun­gen.

Robo­ter­jour­na­lis­mus ist eine kon­kre­te Anwen­dung aus dem dyna­mi­schen Bereich Natu­ral Lan­guage Gene­ra­ti­on (NLG), einem Teil­ge­biet der Künst­li­chen Intel­li­genz. NLG-Soft­ware kommt auch in ande­ren The­men­fel­dern zum Ein­satz, etwa bei der auto­ma­ti­schen Text­ge­ne­rie­rung im Online-Han­del, in Chat­bots, für Immo­bi­li­en-Expo­sés oder der Erstel­lung von Reportings.

 

So generiert ein Roboter journalistische Texte

 

Ana­log zu Tex­ten aus der Feder eines Jour­na­lis­ten basie­ren auto­ma­ti­sche gene­rier­te Tex­te auf Fak­ten und Daten. Der ent­schei­den­de Unter­schied: im Robo­ter­jour­na­lis­mus über­nimmt ein Pro­gramm die Ana­ly­se, Inter­pre­ta­ti­on und Orga­ni­sa­ti­on der struk­tu­rier­ten Daten. In Bruch­tei­len von Sekun­den ver­ar­bei­tet ein Algo­rith­mus gro­ße Men­gen an bereit­ge­stell­ten Infor­ma­tio­nen wie Namen, Orte, Beträ­ge, Ran­kings, Sta­tis­ti­ken und ande­re Zah­len in einen soge­nann­ten “Sto­ryp­lot”.

Ein Sto­ryp­lot bil­det die Erzähl­struk­tur eines Tex­tes ab. Im Fall eines Fuß­ball­be­rich­tes ist das die Beschrei­bung einer Begeg­nung: Wie vie­le Zuschau­er sahen das Match? Wer erziel­te die Tore? Gab es Ver­war­nun­gen? Wel­che Spie­ler wur­den aus­ge­wech­selt? Die sta­tis­ti­schen Ant­wor­ten auf sol­che Fra­gen gießt eine Soft­ware in Text­form und erzeugt so einen für mensch­li­che Leser ein­gän­gig les­ba­ren Bei­trag.

Gro­ße Daten­men­gen und ver­schach­tel­te Bedin­gun­gen erlau­ben es, zusätz­li­che Infor­ma­tio­nen unter­zu­brin­gen und dem Text mehr Kom­ple­xi­tät zu ver­lei­hen. Wie­der das Fuß­ball­bei­spiel: Mit wel­chen Seri­en aus Sie­gen bzw. Nie­der­la­gen gin­gen die Teams in das Spiel? Ver­bes­sert sich einer der Tor­schüt­zen durch sei­nen Tref­fer in der Tor­jä­ger­lis­te? Wer sind die nächs­ten Geg­ner?

Sto­ryp­lots stam­men nicht von einer Maschi­ne. Wel­cher Dra­ma­tur­gie der auto­ma­tisch erzeug­te Text folgt und auch, wel­che For­mu­lie­run­gen der Gene­ra­tor in wel­chem Zusam­men­hang ver­wen­det, defi­niert im Vor­feld ein mensch­li­cher Redak­teur. Nur so lernt die Maschi­ne domä­nen­spe­zi­fi­sches Voka­bu­lar wie “lupen­rei­ner Hat­trick”, “Alu­mi­ni­um­tref­fer” oder “Eigen­ge­wächs” und erhöht somit Les­bar­keit und Glaub­wür­dig­keit eines Tex­tes.

Außer­dem: damit in Tau­sen­den gene­rier­ten Bei­trä­gen nicht immer die glei­chen Text­bau­stei­ne auf­tau­chen, hin­ter­le­gen die Tex­ter bei der Ein­rich­tung des Sys­tems ver­schie­de­ne Vari­an­ten zur Beschrei­bung eines Phä­no­mens. So gewähr­leis­ten intel­li­gen­te Sys­te­me ein hohes Maß an Vari­anz in der Tex­ter­stel­lung — und erstel­len mit jedem Bericht ein­zig­ar­ti­gen Con­tent.

Wie Robo­ter­jour­na­lis­mus von einer Lösung von Ret­res­co funk­tio­niert, zeigt der Gene­ra­tor für Fuß­ball­be­rich­te.

 

Beispiele für Roboterjournalismus

 

Das Bei­spiel Fuß­ball illus­triert die Stär­ke des Robo­ter­jour­na­lis­mus. Ob Bun­des­li­ga oder Kreis­klas­se — Daten wie die oben genann­ten Fak­ten gene­riert jedes Spiel. Wo mensch­li­che Jour­na­lis­ten Spiel­be­rich­te zu unter­klas­si­gen Begeg­nun­gen aus Zeit- und Kos­ten­grün­den nicht schrei­ben, ist die­ser Aspekt für die Soft­ware unre­le­vant. Natu­ral Lan­guage Gene­ra­ti­on-Soft­ware pro­du­ziert Tex­te in Echt­zeit und in theo­re­tisch unbe­grenz­ter Anzahl. Online-Medi­en mit regio­na­lem Fokus sind so in der Lage, the­ma­tisch neue Berei­che zu erschlie­ßen und damit die Reich­wei­te zu erhö­hen.

Aber auch gro­ße deutsch­spra­chi­ge News-Por­ta­le nut­zen die Mög­lich­kei­ten des Robo­ter­jour­na­lis­mus. Sprin­ger Vor­stand Mathi­as Döpf­ner räum­te ein, dass die Sport-Redak­teu­re der “Welt” maschi­nell erzeug­te Tex­te ver­wen­den. Die Fuß­ball­be­rich­te des WESER-KURIER stam­men aus einer Engi­ne, Focus Online spielt auto­ma­tisch gene­rier­te Wet­ter­mel­dun­gen aus, das Han­dels­blatt Bör­sen­news.

Wo die Ver­la­ge wirt­schaft­lich pro­fi­tie­ren, bemer­ken die Leser kaum einen Unter­schied zwi­schen hand­ge­schrie­be­nen und com­pu­ter­ge­ne­rier­ten Tex­ten. In einer Stu­die unter Mit­wir­kung von For­schern der LMU Mün­chen attes­tier­ten Test­per­so­nen von Jour­na­lis­ten geschrie­be­nen Tex­ten zwar eine bes­se­re Les­bar­keit. In punk­to Glaub­wür­dig­keit schnit­ten auto­ma­ti­siert erstell­te Bei­trä­ge jedoch höher ab.

In den USA expe­ri­men­tie­ren Online-Medi­en schon län­ger mit Robo­ter­jour­na­lis­mus. Bereits 2011 stell­te die Los Ange­les Times “Qua­ke­Bot” vor, ein an den Erd­be­ben­mel­de­dienst des US Geo­lo­gi­cal Sur­vey ange­schlos­se­nes Sys­tem. Wenn die Engi­ne eine Benach­rich­ti­gung über ein Erd­be­ben erhält, gene­riert es auto­ma­tisch eine Sto­ry mit den wich­tigs­ten Infor­ma­tio­nen über Zeit, Ort und Grö­ße. Die Inno­va­ti­on fand erst­mals im Jahr 2013 brei­te Aner­ken­nung, als die Lösung bei einem Erd­be­ben der Stär­ke 4,4 in Süd­ka­li­for­ni­en die ers­ten Mel­dun­gen über­haupt pro­du­zier­te.

Die Washing­ton Post setz­te das haus­ei­ge­ne Tool “Helio­graf” ein, um im Rah­men der Olym­pi­schen Spie­le 2016 auto­ma­ti­siert Updates im inter­nen Live-Blog und dem Twit­ter-Kanal zu ver­öf­fent­li­chen. Nach dem erfolg­rei­chen Test, berich­te­ten die Robo­ter von Begeg­nun­gen aus dem nord­ame­ri­ka­ni­schen High School Foot­ball und der US-Wahl im Novem­ber des glei­chen Jah­res.

Die Nach­rich­ten­agen­tur Xin­hua zeig­te im Novem­ber 2018, in wel­che Rich­tung sich Robo­ter­jour­na­lis­mus ent­wi­ckeln könn­te. In einem knapp zwei­mi­nü­ti­gen Clip prä­sen­tiert ein vir­tu­el­ler Anchor­man Nach­rich­ten und die dazu­ge­hö­ri­gen Bil­der. Der Ava­tar weist dar­auf hin, dass er sich noch im Ent­wick­lungs­sta­di­um befin­det und noch viel zu ver­bes­sern sei. Fern­seh­jour­na­lis­ten bleibt die Dis­kus­si­on um einen Aus­tausch von Men­schen durch Ani­ma­tio­nen erspart — zumin­dest für abseh­ba­re Zeit.

 

Wo sind die Grenzen von automatisiertem Journalismus?

 

In der Kreis­klas­se B in Ham­burg spielt mit Ein­tracht Fuhls­büt­tel ein Fuß­ball­ver­ein, der Robo­ter­jour­na­lis­mus vor eine Her­aus­for­de­rung stellt. Das Team besteht aus Insas­sen einer Haft­an­stalt, bestrei­tet aus­schließ­lich Heim­spie­le und darf nicht auf­stei­gen. Einem Sys­tem, für den der Stan­dard­fall dar­in besteht, dass eine Mann­schaft gleich vie­le Heim- wie Aus­wärts­spie­le aus­trägt, muss die­ser Son­der­fall expli­zit antrai­niert wer­den.

Robo­ter­jour­na­lis­mus hat kla­re Vor­tei­le, wenn es dar­um geht, Con­tent für Rou­ti­ne-Bericht­erstat­tung effi­zi­ent und in gro­ßer Men­ge zu erstel­len und damit the­ma­ti­sche Nischen abzu­de­cken. In der Beschrei­bung von nicht-stan­dar­di­sier­ten Phä­no­me­nen, für Hin­ter­grund­be­rich­te, Inter­views oder Mei­nun­gen wer­den Jour­na­lis­ten aus Fleisch und Blut aber auch in Zukunft unver­zicht­bar blei­ben.

Auf einen Anteil von 20% schätz­te der ehe­ma­li­ge Chef­re­dak­teur von Bloom­berg John Mick­le­thwait den Anteil von auto­ma­ti­siert erstell­ten Inhal­ten am Con­tent-Mix der Zukunft. Ob und wann die­se Zahl erreicht wird, bleibt abzu­war­ten. Fakt ist schon heu­te, dass jour­na­lis­ti­sches Arbei­ten jen­seits der digi­ta­len Mög­lich­kei­ten mitt­ler­wei­le fast undenk­bar ist, nicht nur, weil Such­ma­schi­nen für Jour­na­lis­ten aller Fach­ge­bie­te zu den wich­tigs­ten Quel­len bei der Recher­che gehö­ren.

Exper­ten pro­gnos­ti­zie­ren, dass sich Tech­nik und Mensch auch im Jour­na­lis­mus zukünf­tig noch stär­ker ergän­zen, etwa wenn es dar­um geht, die Ent­schei­dung für die Pro­duk­ti­on von Inhal­ten stär­ker als bis­her daten­ba­siert zu tref­fen. Ent­ge­gen von Abwehr­re­fle­xen aus der schrei­ben­den Zunft wer­den Algo­rith­men somit kei­nes­wegs den tra­di­tio­nel­len Jour­na­lis­ten erset­zen. Viel­mehr bie­tet Robo­ter­jour­na­lis­mus die Chan­ce, Men­schen von Rou­ti­ne­ar­bei­ten zu ent­las­ten und mehr Zeit für Qua­li­täts­in­hal­te zu schaf­fen.

 

 

Quel­len & Ver­wei­se: