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Nadine Jakob
Marketing Manager, Retresco
Eine Nachricht lesen, ihre Hintergründe verstehen und nach den Folgen für den eigenen Alltag fragen: Mit generativer KI rücken diese Schritte näher zusammen.
Für Medienhäuser und Verlage eröffnet das neue Möglichkeiten, ihre Inhalte zugänglich zu machen. Ein Artikel kann zum Ausgangspunkt eines Gesprächs werden, ein Archiv zum Rechercheassistenten und regionales Wissen zu einem interaktiven Service.
Der neue „Generative AI and News Report 2026: From standalone tools to information infrastructure“ des Reuters Institute for the Study of Journalism an der Universität Oxford beschreibt, wie sich KI im Informationsalltag etabliert. Für die Medienbranche ergibt sich daraus eine strategische Frage: Wie lassen sich journalistische Inhalte in diesem veränderten Umfeld so anbieten, dass ihre Qualität sichtbar bleibt und Nutzer:innen einen konkreten Mehrwert erhalten?
Die Ergebnisse liefern Ansatzpunkte für eigene Angebote und für den Einsatz generativer KI in Redaktionen. Sie zeigen zugleich, weshalb wachsende KI-Nutzung allein noch keinen tragfähigen Business Case begründet.
In den sechs Ländern, die seit 2024 durchgehend untersucht wurden, stieg die wöchentliche Nutzung generativer KI von 18 % auf 51 %. Die tägliche Nutzung legte im selben Zeitraum von 7 % auf 28 % zu. Noch deutlicher wird der Wandel beim Blick auf die Informationsbeschaffung: Dafür nutzten 2024 wöchentlich 11 % generative KI, 2026 bereits 38 %.
Generative KI etabliert sich: Immer mehr Menschen nutzen sie regelmäßig und zunehmend täglich (Reuters Institute)
KI als Informationsinfrastruktur im Medienumfeld bedeutet damit: Zwischen einer Frage und den zugrunde liegenden Inhalten liegt zunehmend eine zusätzliche Ebene. Sie sucht Informationen, führt sie zusammen, formuliert Antworten und ermöglicht Rückfragen. Für Nutzer:innen verändert sich dadurch der Zugang zu Wissen. Für Verlage wird entscheidend, welche Rolle ihre Inhalte, ihre Marken und ihre eigenen Angebote dabei spielen.
Allerdings ist KI als Nachrichtenquelle weiterhin eine vergleichsweise kleine, wenn auch wachsende Nutzungskategorie. In den sechs Vergleichsländern verwenden 9 % generative KI wöchentlich für Nachrichten; über alle neun untersuchten Länder sind es 8 %. Die breite Nutzung von KI darf deshalb nicht mit einer ebenso breiten Nachfrage nach KI-Nachrichtenangeboten gleichgesetzt werden.
Aus Retresco-Sicht liegt die Chance darin, konkrete Informationsbedürfnisse besser aufzugreifen: ein vielschichtiges Thema verständlich machen, eine lokale Frage beantworten oder relevante Fachinformationen aus einem großen Bestand erschließen.
Besonders aufschlussreich ist, was Menschen mit KI im Nachrichtenkontext tun. 49 % der KI-Nachrichtennutzerschaft in den sechs Vergleichsländern stellen Folgefragen zu einer Meldung. Das ist der häufigste untersuchte Anwendungsfall, noch vor der Abfrage aktueller Nachrichten mit 46 %. Weitere 38 % lassen Nachrichten zusammenfassen, 35 % verständlicher erklären.
Generative KI macht Nachrichten interaktiv: Nutzer fragen nach und vertiefen ihr Verständnis (Reuters Institute)
Für Medienhäuser steckt darin ein konkreter Produktansatz: Der Informationsbedarf endet häufig nicht mit dem letzten Absatz eines Artikels. Die Nutzerschaft möchte wissen, wie eine Entscheidung zustande kam, welche Argumente dafür und dagegen sprechen oder was sie für ihre Region bedeutet.
KI-Chatbots für Nachrichten können diese Anschlussfragen direkt am Inhalt aufgreifen. Ein Artikel über eine Verkehrsreform könnte etwa den Einstieg anbieten: „Welche Änderungen betreffen meinen Stadtteil?“. Ein Dossier zur Energieversorgung könnte Fragen nach Kosten, Zuständigkeiten oder bisherigen Entwicklungen beantworten.
Dafür muss ein Angebot den Kontext des Artikels aufnehmen und passende weitere Quellen erschließen können. Kontextbezogene Musterfragen erleichtern den Einstieg. Im anschließenden Dialog sollte der Assistent frühere Fragen berücksichtigen und bei unklaren Anliegen nachfragen. So entsteht aus einem einzelnen Beitrag ein Zugang zu weiterführendem redaktionellem Wissen.
Warum greifen Menschen bei der Informationsbeschaffung zu KI? Im Report stehen zwei Motive im Vordergrund: 64 % nennen schnellere und einfachere Antworten, 56 % die Möglichkeit zur Interaktion. Dass KI verlässlichere Informationen als andere Quellen liefere, nennen dagegen 21 %.
Schnelle Antworten, einfache Zugänge und Folgefragen machen KI für die Informationssuche attraktiv (Reuters Institute)
Für Verlage heißt das: Redaktionelle Qualität muss sich in einem unmittelbar spürbaren Nutzen ausdrücken. Ein Angebot sollte schnell zur Sache kommen, verständlich antworten und gezielt weiterhelfen. Wer zunächst lange erklären muss, wie ein KI-Assistent funktioniert, bevor die erste hilfreiche Antwort erscheint, erschwert den Zugang.
Die Produktentwicklung sollte deshalb von typischen Fragen ausgehen. Welche Informationen suchen Nutzer:innen regelmäßig? Wo müssen sie bislang mehrere Beiträge lesen oder unterschiedliche Suchanfragen kombinieren? An welchen Stellen fehlen ihnen Einordnung und Orientierung?
Hier können journalistische Inhalte ihre Stärke ausspielen. Ein guter KI-Assistent verbindet eine intuitive Bedienung mit belastbaren Quellen und nachvollziehbaren Antworten. Die Qualität des Bestands wird dadurch im konkreten Nutzungsmoment erfahrbar.
Der Blick über aktuelle Nachrichten hinaus zeigt weitere Möglichkeiten. In den sechs Vergleichsländern nutzen 24 % generative KI wöchentlich zur Themenrecherche, 20 % für Rat, 18 % zur Beantwortung von Faktenfragen und 15 % für Empfehlungen.
Für Medienhäuser und Fachverlage lohnt es sich deshalb, ihre Inhalte auch nach den Aufgaben zu betrachten, die Nutzer:innen damit lösen möchten. Ein Facharchiv kann bei einer konkreten beruflichen Frage helfen. Regionale Berichterstattung kann erklären, welche Auswirkungen ein kommunaler Beschluss vor Ort hat. Redaktionelle Restaurantporträts, Tests und Bestenlisten können zur Grundlage einer individuellen Gastroberatung werden.
Besonders interessant sind Anliegen, für die mehrere Inhalte zusammengeführt werden müssen. Die Frage „Welches Restaurant passt heute zu unserem Familienausflug?“ erfordert Informationen zu Lage, Küche, Atmosphäre und Öffnungszeiten. Ein hilfreiches Angebot muss diese Aspekte verbinden und kenntlich machen, wenn aktuelle Angaben fehlen.
Der strategische Wert entsteht dort, wo ein Verlag besondere inhaltliche Kompetenz besitzt und daraus einen regelmäßig nützlichen Service entwickeln kann.
49 % der Befragten in den neun untersuchten Ländern haben in der vorherigen Woche mindestens eine KI-Funktion auf einer Nachrichtenwebsite oder in einer Nachrichten-App wahrgenommen. Dazu zählen KI-Kennzeichnungen, Zusammenfassungen sowie Chatbots und Audio- oder Videofassungen. Einem KI-Nachrichtenchatbot begegneten nach eigener Aussage 14 %. Diese Werte messen Wahrnehmung, keine aktive Nutzung. Sie zeigen aber, dass KI bereits innerhalb bestehender Nachrichtenangebote sichtbar wird.
Für die Einführung eigener KI-Assistenten spricht das dafür, den Einstieg eng mit dem jeweiligen Informationsbedarf zu verbinden. Direkt unter einem Artikel ist eine passende Rückfrage oft leichter verständlich als das allgemeine Versprechen eines separat beworbenen Chatbots.
Welche Platzierung funktioniert, muss jedes Haus testen: im Artikel, auf einer Themenseite, im Archiv oder innerhalb der Suche. Entscheidend ist, ob daraus hilfreiche Dialoge entstehen und Nutzer:innen regelmäßig wiederkommen. Sichtbarkeit schafft die Voraussetzung für Nutzung; sie ersetzt deren Messung nicht.
Der Report untersucht Publikumsnutzung und Einstellungen. Aus den Ergebnissen lässt sich eine wichtige Aufgabe ableiten: Wenn Nutzer:innen Informationen zunehmend dialogisch erschließen, gewinnen gut strukturierte, aktuelle und nachvollziehbar dokumentierte Inhalte zusätzlich an Bedeutung.
Generative KI in Redaktionen sollte deshalb entlang konkreter Arbeitsschritte eingesetzt werden. Ein interner Rechercheassistent könnte passende Archivbeiträge auffinden und Fundstellen bereitstellen. Weitere Anwendungen könnten Übersetzungen vorbereiten, Transkripte erschließen oder Varianten für unterschiedliche Ausspielkanäle erstellen.
KI-gestützte redaktionelle Workflows brauchen dafür klare Zuständigkeiten. Welche Quellen darf ein System verwenden? Was muss ein Redakteur prüfen? Wie werden Korrekturen übernommen? Welche Informationen dürfen veröffentlicht werden?
Für die Bewertung zählt der gesamte Ablauf. Eine schnelle Content-Generierung bringt wenig, wenn anschließend erheblicher Prüf- und Korrekturaufwand entsteht. Sinnvolle Maßstäbe sind daher die Zeit bis zum freigegebenen Ergebnis, dessen Qualität und die zuverlässige Einbindung in bestehende Prozesse.
Die nachfolgenden Charts zeigen ein differenziertes Bild: Unter denjenigen, die KI in der vorherigen Woche für Nachrichten genutzt haben, vertrauen 72 % den Ergebnissen. Bei Faktenfragen sind es 75 %, bei Rat 76 %. Diese Werte beziehen sich auf die jeweiligen Nutzergruppen und lassen sich nicht auf das gesamte Publikum übertragen.
Wer generative KI für Faktenfragen, Rat oder News nutzt, vertraut meist den erhaltenen Antworten (Reuters Institute)
Zugleich bleibt eine gewisse Skepsis gegenüber KI im Journalismus bestehen. Die Nutzung eines Chatbots und die Zustimmung zur KI-gestützten Nachrichtenproduktion sind unterschiedliche Dinge. Der Report verweist zudem auf die Bedeutung wahrgenommener Offenheit beim KI-Einsatz.
Für eigene Informationsangebote folgt daraus: Vertrauen muss im Produkt erkennbar werden. Nutzer:innen sollten sehen können, auf welche Beiträge sich eine Antwort stützt, wie aktuell die Informationen sind und wer das Angebot verantwortet. Quellenlinks, eine verständliche KI-Kennzeichnung und Feedbackmöglichkeiten gehören deshalb zur Nutzungserfahrung.
Ebenso wichtig ist der Umgang mit Wissenslücken. Wenn Informationen fehlen oder sich widersprechen, sollte ein Assistent das verständlich benennen. Redaktionelle Herkunft ist eine wertvolle Grundlage; die daraus generierte Antwort braucht trotzdem eigene Qualitätskontrollen.
37 % der befragten Chatbot-Nutzer:innen erleben die dort vermittelten Ansichten und Argumente als weder mit den eigenen übereinstimmend noch ihnen entgegengesetzt. 32 % nehmen Übereinstimmung wahr, 13 % Widerspruch. Unter politisch links und rechts eingeordneten Nutzer:innen ist der Anteil, der die eigenen Ansichten wiedererkennt, mit jeweils 34 % bzw. 36 % ähnlich groß.
Daraus lässt sich vorsichtig die Tendenz ableiten, dass KI-Chatbots weniger polarisieren könnten als Social Media. Erfasst wurden jedoch subjektive Wahrnehmungen, keine tatsächlichen Veränderungen politischer Einstellungen. Wahrgenommene Zustimmung ist zudem kein Beleg für Ausgewogenheit.
Für journalistische KI-Angebote ergibt sich daraus ein Gestaltungsauftrag: Unterschiedliche belegte Perspektiven sollten nachvollziehbar dargestellt, Fakten und Bewertungen sauber auseinandergehalten werden. Ein KI-Assistent sollte der Nutzerschaft helfen, Argumente zu prüfen und Zusammenhänge zu verstehen.
14 % der Befragten in den neun Ländern haben wöchentlich einen KI-Agenten für eine reale Aufgabe genutzt. Für Medienhäuser spricht das dafür, agentische Fähigkeiten anhand klar umrissener Anwendungen zu entwickeln.
Ein solcher Assistent kann zunächst den Informationsbedarf klären, anschließend passende redaktionelle Inhalte recherchieren, aktuelle Daten ergänzen und die Ergebnisse für das Anliegen strukturieren. Bei einem lokalen Service könnten etwa Archivbeiträge mit Veranstaltungs- oder Verkehrsdaten zusammenkommen.
Der Nutzen muss dabei konkret überprüfbar sein. Finden Nutzer:innen schneller eine hilfreiche Antwort? Kehren sie zurück? Nutzen sie die verlinkten Quellen? Unterstützt das Angebot Registrierungen, Abonnements oder andere Erlösmodelle? Diesen Ergebnissen stehen Entwicklungs-, Betriebs- und Betreuungsaufwand gegenüber.
Viele Dialoge allein belegen keinen wirtschaftlichen Erfolg. Ein tragfähiger Business Case entsteht, wenn ein Angebot einen wiederkehrenden Bedarf erfüllt und nachweisbar zu den Zielen des Hauses beiträgt.
Retresco unterstützt Medienhäuser und Verlage dabei, ihre Inhalte für solche Anwendungen zu erschließen: für Artikel- und Dossier-Chats, dialogische Archive, Fachassistenten und lokale Informationsangebote. Semantische Verfahren und agentische KI helfen, relevante Inhalte zu finden, Zusammenhänge herzustellen und bei Bedarf weitere Datenquellen einzubinden.
Der Einstieg beginnt bei einer konkreten Nutzerfrage und einem geeigneten Content-Bestand. Darauf aufbauend lassen sich Quellen, Antwortqualität, Integration und Erfolgskriterien definieren und in einem überschaubaren Anwendungsfall prüfen.
Der Reuters-Report liefert dafür ein klares Signal: Nutzer:innen gewöhnen sich daran, Informationen im Dialog zu erschließen. Medienhäuser können diesen Zugang mitgestalten – mit Angeboten, die ihre redaktionelle Kompetenz interaktiv bereitstellen und Nutzenden bei konkreten Anliegen weiterhelfen.
Zur Studie: Der Generative AI and News Report 2026 wurde am 29. Oktober 2026 veröffentlicht. YouGov befragte dafür vom 14. August bis 28. September insgesamt 18.921 Personen in Argentinien, Australien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Japan, Norwegen, Großbritannien und den USA. Zeitvergleiche beziehen sich auf die sechs seit 2024 untersuchten Länder. Deutschland gehört nicht zur Stichprobe; die Ergebnisse liefern eine internationale Orientierung.
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