- KI-Lösungen
- Branchen
- KI-Projekte
- Wissen
- Über uns
Blog
Nadine Jakob
Marketing Manager, Retresco
Die erste Begeisterung ist einer nüchternen Frage gewichen: Was bringt KI den Medienhäusern wirtschaftlich? Strategien sind beschlossen und KI-Anwendungen im Einsatz, doch belastbare Business Cases bleiben die Ausnahme.
Das zeigt der auch KI-Reifegrad-Reports 2026, den wir zusammen mit dem Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) veröffentlicht haben. Er basiert auf einer nicht repräsentativen Online-Befragung von 114 Führungskräften und KI-Verantwortlichen aus deutschen Medienhäusern zwischen April und Juni 2026. Die Ergebnisse zeigen, wo KI bereits Wirkung entfaltet – und wo Erwartungen und messbarer Nutzen noch auseinanderliegen.
Die Ergebnisse unseres Reports zeichnen ein ambivalentes Bild: KI ist strategisch und operativ in der Medienbranche angekommen. Zugleich bleiben die messbaren Resultate in fast allen untersuchten Bereichen hinter den Erwartungen zurück: 79 % der befragten Medienhäuser geben an, KI inzwischen fest in ihrer Unternehmensstrategie verankert zu haben. Im KI-Reifegrad-Report 2025 waren es erst 60 %. Dennoch bewerten 39 % eine fehlende strategische Einbettung weiterhin als Hindernis für den Einsatz oder Ausbau von KI – neun Prozentpunkte mehr als im Vorjahr.
Dieser scheinbare Widerspruch verweist auf eine zentrale Herausforderung: Eine formell beschlossene KI-Strategie führt nicht automatisch zu integrierten Prozessen, klaren Zuständigkeiten oder messbaren Ergebnissen. Viele Anwendungen werden weiterhin isoliert eingeführt. Häufig fehlen konkrete Ziele, belastbare Daten, technische Integrationen und verbindliche Kriterien für erfolgreiche Projekte.
Der grundsätzliche Mehrwert von KI ist unbestritten. Einzelne Pilotprojekte, relative Zeitersparnisse oder prozentuale Zuwächse auf niedriger Ausgangsbasis belegen jedoch noch keine nachhaltige Transformation. Häufig sind journalistische und wirtschaftliche Erwartungen zu einseitig formuliert, Anwendungen werden isoliert eingeführt und Erfolgskriterien zu stark auf Effizienzgewinne verengt.
Am ehesten erfüllt sich das Versprechen effizienterer Abläufe. In nahezu allen anderen Bereichen fällt die Bilanz deutlich ernüchternder aus:
Operativ funktioniert KI bereits: 80 % der Verlage erreichen schnellere Prozesse und bessere Workflows und liegen damit nah an den erwarteten 92 %. (KI-Reifegrad-Report 2026)
Was wurde von den Erwartungen für 2026 bislang tatsächlich erreicht?
| Erwartung an KI | Erwartet | Erreicht |
|---|---|---|
| Schnellere Prozesse / verbesserte Workflows | 92 % | 80 % |
| Kosteneinsparungen | 63 % | 20 % |
| Neue Formate / Erlösmodelle | 62 % | 31 % |
| Bessere Inhalte / höhere Qualität | 60 % | 32% |
| Bessere Datennutzung / Audience Insights | 53 % | 18 % |
| Stärkere Nutzerbindung durch Personalisierung | 53 % | 14 % |
| Größere Reichweite | 23 % | 13 % |
Auch die Erwartungen selbst verschieben sich. Die Hoffnung auf Prozessoptimierung bleibt unverändert hoch, die Erwartungen an Kosteneinsparungen, Qualitätsverbesserungen sowie neue Formate und Erlösmodelle steigen.
Deutlich verändert haben sich auch die Erwartungen an zusätzliche Reichweite. 2025 hofften noch 58 % der Medienhäuser, mithilfe von KI Reichweitenvorteile zu erzielen. 2026 rechnen damit nur noch 23 %. Tatsächlich erreicht haben dieses Ziel bislang 13 %.
Zugleich berichten 38 % der befragten Unternehmen von deutlich weniger Reichweiten. 37 % stellen keine signifikante Veränderung fest, während 25 % die Entwicklung bislang nicht belastbar bewerten können. Die Ergebnisse fallen in eine Phase, in der Google AI Overviews, AI Mode sowie KI-Suchen und geschlossenen Ökosystemen den Zugang zu journalistischen Inhalten grundlegend verändern.
Für Medienhäuser steigt damit der Druck, KI nicht allein zur Content-Produktion einzusetzen. Gefragt sind Angebote, die auf eigenen Inhalten und Daten basieren, einen direkten Nutzwert schaffen und die Beziehung zum Publikum stärken.
2025 war die Hoffnung noch groß: 58 % der Medienhäuser erwarteten, mit KI zusätzliche Reichweite erzielen zu können. Nur ein Jahr später sind es noch 23 %. (KI-Reifegrad-Report 2026)
61 % der befragten Medienhäuser haben KPIs für ihren KI-Einsatz definiert. In den Redaktionen messen jedoch nur 20 % den Erfolg anhand entsprechender Kennzahlen; 39 % der Häuser verfügen über keine verbindlichen ROI- oder Impact-KPIs. So bleibt der wirtschaftliche Beitrag vieler Anwendungen unklar. Die KI-Nutzung ist weiter fortgeschritten als die Messung ihrer Wirkung.
Auch organisatorisch müssen Medienhäuser früh Klarheit schaffen: Wer trägt die Verantwortung für Produkt, Redaktion, Daten, IT, Recht und Vermarktung? Zielgruppen, Qualitätsstandards, Datenquellen und Kriterien für die Fortführung oder Beendigung eines Projekts sollten vor dem Pilotbetrieb feststehen. Zugleich verschieben sich die Hürden: Unzureichendes Know-how nennen noch 43 % der Befragten (2025: 60 %), während Infrastruktur und Integration für 49 % ein Hindernis darstellen (2025: 28 %). Die Kompetenzen wachsen, die technischen Anforderungen rücken stärker in den Vordergrund.
KI kann Abläufe beschleunigen und Mitarbeitende entlasten. Weiteres wirtschaftliches Potenzial liegt in Angeboten, die bislang nur mit hohem Aufwand möglich waren: der automatisierten Aufbereitung strukturierter Daten, der interaktiven Erschließung großer Content-Bestände sowie hyperlokalen und personalisierten Informationsangeboten. Daraus können neue Produkte, zusätzliche Erlöse und eine stärkere Nutzerbindung entstehen. Ob sie diesen Beitrag leisten, müssen Medienhäuser anhand konkreter Ziele und Kennzahlen prüfen.
Der britische KI-Analyst Benedict Evans beschreibt in „AI Eats the World“ ein Muster, das sich auch in der Medienbranche beobachten lässt: „Everyone has a pilot.“ Die Zahl produktiver Anwendungen wächst, bleibt aber deutlich hinter der Vielzahl an Entwicklungs- und Pilotprojekten zurück. Produktive KI-Anwendungen müssen auf konkrete Ziele im Kerngeschäft einzahlen und verlässlich mit verlagsinternen Daten, Redaktionssystemen, Berechtigungen, Quellen und Qualitätssicherung zusammenspielen.
Viele KI-Piloten, kaum produktive Anwendungen: Die Lücke zwischen Erprobung und breitem KI-Einsatz bleibt groß. (Benedict Evans)
Der eigentliche Mehrwert liegt Evans zufolge nicht in der Automatisierung bestehender Prozesse – übertragen auf Medien also nicht darin, immer mehr Inhalte in immer kürzerer Zeit zu produzieren. Wirtschaftlich wertvoll sind Anwendungen, die bislang technisch, organisatorisch oder ökonomisch kaum realisierbar waren: die automatisierte Aufbereitung strukturierter Daten, die dialogische Erschließung jahrzehntelanger Archive, hyperlokale Informationsangebote, personalisierte Nutzererlebnisse oder Assistenzsysteme für komplexe Fachrecherchen.
In diesem Licht ist auch der punktuelle Rückbau zu lesen: KI-Unterstützung bei der Content-Optimierung ging von 89 % auf 71 % zurück, beim Fact-Checking und der Rechercheunterstützung von 64 % auf 51 %. Je höher das Fehlerrisiko einer Aufgabe, desto mehr qualifizierte Kontrolle bleibt erforderlich – überall dort, wo ein Ergebnis nicht bloß besser oder schlechter, sondern richtig oder falsch sein muss. Eine sinkende Zahl KI-gestützter Aufgaben muss deshalb nicht „AI Fatigue“ bedeuten; sie kann ebenso für einen reiferen, selektiveren Einsatz sprechen, bei dem Human-in-the-Loop-Prozesse in der journalistischen Kernarbeit wieder an Bedeutung gewinnt.
Je stärker Medienhäuser KI einsetzen, desto wichtiger wird der verantwortungsvolle Umgang mit ihren Ergebnissen. Fehlerhafte Antworten können das Vertrauen in eine Medienmarke beschädigen – gerade dort, wo Nutzerinnen und Nutzer verlässliche Informationen erwarten.
Die Herausforderung besteht darin, KI-Anwendungen auszuweiten und zugleich die Qualität der Ergebnisse zu sichern. Dazu brauchen Medienhäuser klare Zuständigkeiten, überprüfbare Quellen und eine qualifizierte menschliche Kontrolle bei journalistischen Aufgaben. Vertrauen bleibt die Grundlage dafür, dass aus KI-Anwendungen dauerhaft wertvolle Angebote werden.
Deutlich an Bedeutung gewinnt agentische KI: 54 % der Medienhäuser schreiben ihr strategische Relevanz zu, 2025 waren es erst 34 %. Der Einsatz korreliert klar mit einem höheren KI-Reifegrad. Zugleich verschiebt sich damit die Leitfrage der Branche – weg von „Wer nutzt KI?“ hin zu „Wer kann KI professionalisieren?“. Werden aus generalistischer Nutzung spezialisierte Workflows mit besseren Modellen, Datenzugriffen, Qualitätssicherung, Schulungen und Human-in-the-loop-Prozessen, steigen Aufwand und Kosten. Hier besitzen größere Häuser strukturelle Vorteile.
Agentische Systeme können unterschiedliche Datenquellen, Inhalte, Werkzeuge und Prozessschritte in einem flexibel vorgegebenen Rahmen autonom kombinieren. Ihr produktiver Einsatz stellt allerdings besondere Anforderungen an Datenzugriffe, technische Infrastruktur, Berechtigungen, Qualitätssicherung und Governance. Damit wird agentische KI zu einem neuen Gradmesser für die Fähigkeit der Medienhäuser.
Wenn KI hinter den Erwartungen zurückbleibt, liegt das häufig an unklaren Zielen, voneinander losgelösten Pilotprojekten und einer lückenhaften Erfolgsmessung. Der Report empfiehlt deshalb:
Aus dem KI-Reifegrad-Report 2026 lassen sich drei zentrale Handlungsfelder ableiten.
Damit muss KI künftig auf zwei Konten einzahlen: Wertschöpfung und Vertrauen. Je leistungsstärker die Technologie wird, desto wichtiger werden Qualität, Transparenz und menschliche Verantwortung – nach innen gegenüber den Mitarbeitenden ebenso wie nach außen gegenüber dem Publikum.
Das Fazit des Reports: Spezialisierte Nutzung und gezielte Metriken bringen Wachstum.
Der KI-Reifegrad-Reports 2026 kann hier kostenfrei heruntergeladen werden.
Du hast Fragen, Anmerkungen oder Interesse? Sprich uns an – unsere KI-Expert:innen melden sich gerne bei dir!