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Harald Oberhofer
Head of Marketing, Retresco
Was kostet mich der Dispo? Welche Unterlagen brauche ich für eine Baufinanzierung? Was unterscheidet Tagesgeld von Festgeld? Solche Fragen stehen häufig am Anfang einer Finanzentscheidung.
Die Antworten sind meist bereits vorhanden – auf Produktseiten, in FAQs, Preisverzeichnissen, Vertragsunterlagen oder internen Wissensbeständen. Für Kund:innen ist es jedoch oft mühsam und zeitaufwendig, die relevanten Informationen zu finden und auf die eigene Situation zu übertragen.
Mit generativer KI beginnt eine neue Phase der digitalen Transformation in der Finanzbranche. Informationen lassen sich im Dialog erschließen und gezielt für Beratung, Entscheidungsunterstützung und Kundenservice nutzbar machen. Ob beim Vergleich von Anlageprodukten oder bei Detailfragen im Beratungsgespräch – gefragt sind verständliche, verlässliche und schnelle Antworten auf unterschiedlichste Anliegen.
Ein Frage-Antwort-System für Finanzdienstleister verwandelt vorhandene Inhalte in ein interaktives Informationsangebot. Kund:innen stellen Fragen in ihren eigenen Worten, haken nach und erhalten nachvollziehbare Antworten mit Verweisen auf den zugrunde liegenden Quellen. So machen Banken, Versicherer und vergleichbare Finanzdienstleister ihr Fachwissen dialogorientiert und transparent zugänglich – von der ersten Orientierung über die Vorbereitung eines Beratungsgesprächs bis hin zur konkreten Entscheidungsfindung.
Viele Menschen können sich vorstellen, KI bei Finanzfragen zu nutzen. In einer YouGov-Befragung im Auftrag der ING Deutschland zeigten sich 68 % der Befragten offen für KI-Beratung in mindestens einem der abgefragten Anwendungsfälle. 41 % konnten sich Unterstützung bei alltäglichen Bankfragen vorstellen, 33 % bei der Produktsuche und der ersten Orientierung. Auch eine Bitkom-Befragung unterstreicht diese Offenheit: 56 % sehen den KI-Einsatz im Finanzbereich als Chance.
Bei Entscheidungen über das eigene Geld ist diese Offenheit an klare Bedingungen geknüpft: Gemäß der YouGov-/ING-Befragung ist es für 64 % sehr wichtig zu wissen, wo KI entscheidet und wo nicht. 72 % vertrauen einer KI-gestützten Beratung nur, wenn sie jederzeit zu einem menschlichen Ansprechpartner wechseln können. Transparenz und der jederzeitige Zugang zu persönlicher Beratung sind damit zentrale Voraussetzungen für Vertrauen und Akzeptanz.
Offen für KI-gestützte Finanzberatung: vom Girokonto bis zur Baufinanzierung (Postbank/FAZ)
Die Postbank Digitalstudie 2026 zeigt ergänzend eine grundsätzliche Offenheit jüngerer Zielgruppen gegenüber KI bei Bankgeschäften. Befragte, die bereits einer KI-Geldanlageempfehlung gefolgt waren, bewerteten ihre Erfahrung mehrheitlich als „lohnenswert“. Wie groß die Bereitschaft zur KI-Unterstützung ist, hängt allerdings vom Finanzprodukt ab:
Die höchste Zustimmung erhalten Girokonten (77 %) sowie klassische Spar- oder Tagesgeldkonten (73 %). Auch bei Ratenkrediten und Altersvorsorgeprodukten (je 68 %) sowie Wertpapieranlagen (65 %) ist die Offenheit hoch. Bei vielschichtigen Baufinanzierungen liegt die Zustimmung immer noch bei 59 %.
Generische KI-Tools wie ChatGPT oder Gemini erleichtern den Zugang zu Finanzwissen: Sie erklären Begriffe, fassen Dokumente zusammen und ordnen Informationen ein. Eine fundierte persönliche Empfehlung erfordert jedoch aktuelle, vollständige Daten zu individuellen Anliegen – einschließlich steuerlicher Aspekte, Freibeträge, Vorsorgeansprüche und Versicherungen.
Hier liegt die Chance für Finanzdienstleister: Sie können geprüfte Informationen, fachliche Standards und regulatorische Kompetenz in ihrem Frage-Antwort-System für die Finanzberatung zusammenführen. Ein KI-Chatbot für Finanzdienstleister überzeugt durch nachvollziehbare Antworten, die auf verlässlichen, unternehmenseigenen Daten und geprüften Fachinformationen basieren.
Interaktive KI-Assistenten für die Finanzberatung erklären vielschichtige Themen, führen durch Produktinformationen und beantworten Rückfragen. Bei einer Baufinanzierung können sie etwa relevante Einflussfaktoren erläutern, benötigte Unterlagen benennen und persönliche Beratungsgespräche vorbereiten.
Entscheidend sind klare Grenzen: Kund:innen müssen erkennen können, wann sie allgemeine Informationen erhalten, welche Angaben für eine individuelle Einschätzung fehlen und wann eine Beraterin oder ein Berater übernehmen sollte.
Ein KI-Chatbot für Finanzdienstleister macht Produktwissen auf der Website oder in der App interaktiv zugänglich. Er beantwortet Fragen zu Konditionen, Leistungen und Abläufen auf Basis freigegebener Inhalte, verweist auf konkrete Fundstellen und leitet bei Bedarf zum passenden Service- oder Beratungsangebot weiter.
Auch im B2B-Umfeld lassen sich so komplexe Informationen verständlich erschließen – etwa zu Firmenkonten, Verträgen, Tarifen oder zum Zahlungsverkehr. Zugleich gewinnen Content- und Produktteams wertvolle Insights für die Optimierung ihrer Angebote: Welche Fragen werden häufig gestellt? Wo fehlen Antworten? Und welche Inhalte sollten ergänzt oder überarbeitet werden?
Auch intern bieten Chats großes Potenzial. Er macht Unternehmenswissen leichter zugänglich und unterstützt Mitarbeitende bei ihren täglichen Aufgaben: Richtlinien recherchieren, Fachinformationen zusammenfassen, Unterschiede zwischen Produktständen prüfen oder Entwürfe für wiederkehrende Texte erstellen. Standardisierte KI-Assistenten unterstützen klar definierte Aufgaben. Werden sie durch Schnittstellen in Fachsysteme und Workflows eingebunden, gelangen maßgeschneidertes Wissen genau dorthin, wo sie im Prozess gebraucht werden.
Der Markt für Sprachmodelle entwickelt sich dynamisch. Wer sich auf ein einzelnes Modell festlegt, bindet sich an dessen Preise, Stärken und Schwächen. Ein modellunabhängiger Ansatz erlaubt es, je nach Aufgabe und Sicherheitsanforderung das passende Modell zu wählen und später zu wechseln, ohne die KI-Anwendung neu aufzusetzen. Der Chat selbst läuft in einer kontrollierten Umgebung, statt dass Mitarbeitende sensible Inhalte in öffentliche Tools kopieren.
Vieles im Finanzalltag folgt festen Mustern: Produktinformationen aufbereiten, Kundenanfragen beantworten, Dokumente zusammenfassen oder Texte in der vorgegebenen Tonalität der eigenen Marken verfassen. Spezialisierte Assistenten, die dafür hinterlegte Vorgaben und Standards nutzen, liefern konsistente und reproduzierbare Ergebnisse. Das entlastet Teams, beschleunigt Abläufe und hilft, die Qualität über verschiedene Anwendungen hinweg auf einem einheitlich hohen Niveau zu halten.
Ein KI-Assistent ist nur so gut wie seine Datenquellen, auf die er zugreift. Wenn Chats auf geprüftes Unternehmenswissen zugreifen, etwa Produktdaten, interne Richtlinien und Fachinformationen, werden Fragen belastbar und im Unternehmenskontext verortet und beantwortet. Das gilt für Kundenportale ebenso wie für interne Systeme: Ein KI-Assistent, der Beratern in Sekunden die richtige Antwort aus internen Wissensbeständen und Datenbanken liefert, steigert Beratungsqualität und Tempo zugleich.
Ein Chatfenster ohne Anbindung an bestehende Prozesse bleibt eine isolierte Lösung. KI entfaltet ihren Nutzen dort, wo Berater:innen und Redaktionen bereits arbeiten – eingebunden in etablierte Systeme und Abläufe. So wird aus einer Insellösung ein effektiver Bestandteil der digitalen Wertschöpfung.
Der Einsatz von KI in der Finanzbranche erfordert klare Zugriffsrechte, nachvollziehbare Datenflüsse und eindeutig geregelte Verantwortlichkeiten. Datenschutzanforderungen wie Rechtsgrundlagen, Zweckbindung sowie geeignete Schutzmaßnahmen müssen von Anfang an in die Konzeption einfließen. Bei externen KI-Diensten ist zu prüfen, wo Daten verarbeitet werden, wer darauf zugreifen kann und ob Eingaben für das Training von Sprachmodellen genutzt werden. Dazu gehören auch Fragen der Auftragsverarbeitung, möglicher Drittlandtransfers und der Notwendigkeit einer Datenschutz-Folgenabschätzung.
Mit AIR bietet Revolut einen thematisch weit gefassten KI-Assistenten, der neben Großbritannien auch im EU-Raum inkl. Deutschland und Österreich verfügbar ist. Der Zugang erfolgt via Web oder Banking-App. Der avancierte KI-Chatbot für Finanzdienstleister beantwortet kontextbezogene Fragen zu Ausgaben und Kontobewegungen, zeigt interaktive Wertpapiercharts und verarbeitet Lifestyle-Fragen wie Hotelangebote, Reiseinformationen oder eSIM-Tarife. Funktionen wie das direkte Sperren von Karten per Chat-Befehl zeigen, wie Conversational Banking zunehmend auch die Steuerung von Konten und Bankfunktionen ermöglicht.
Finanzinformationen, digitale Services und Lifestyle-Angebote im Chat der Banking-App von Revolut (Craft Innovations)
Die UmweltBank setzt einen unternehmensweiten Wissens-Chatbot ein, der Fragen zu internen Prozessen und Richtlinien beantwortet. Das RAG-basierte KI-System läuft lokal (On-Premise) in einer geschützten Infrastruktur in Deutschland. Darüber hinaus unterstützt KI die Dokumentation von Kundengesprächen: Robotic Process Automation (RPA) übermittelt die Gesprächsaufzeichnungen aus dem Kernbanksystem an einen KI-Agenten, der sie transkribiert und die wichtigsten Inhalte zusammenfasst. So macht die Bank internes Wissen einfach zugänglich und entlastet die Kundenberatung bei der Nachbereitung von Gesprächen.
Der KI-Assistent Emmie der R+V Versicherung zeigt, wie Frage-Antwort-Systeme in der Versicherungsberatung den Kundenservice erweitern und digitale Prozesse unterstützen. Ein Netzwerk aus KI-Agenten bündelt Informationen aus unterschiedlichen Bereichen und führt über 35.000 Dialoge pro Monat – rund die Hälfte davon außerhalb der regulären Servicezeiten. Emmie beantwortet Versicherungsfragen, erläutert vielschichtige Sachverhalte und ergänzt die persönliche Beratung. Auch konkrete Serviceprozesse sind direkt im Chat möglich, etwa die Bestellung einer digitalen Versichertenkarte oder die Berechnung des zusätzlichen Vorsorgebedarfs im Alter.
KI-Chatbot Emmie von R+V: Versicherungsfragen und Serviceanliegen im Dialog klären
Der JDC Companion von Jung, DMS & Cie. unterstützt Versicherungsmakler:innen bei Fragen zu Tarifen und Vertragsleistungen. Der direkt in ein Maklerverwaltungssystem integrierte KI-Fachassistent greift auf geprüfte Tarif- und Versicherungsbedingungsdaten zu mehr als 80.000 Tarifen zurück und belegt seine Antworten mit konkreten Fundstellen. Diese KI-Anwendung zeigt exemplarisch, wie sich fachlich gepflegte Daten im Dialog erschließen und unmittelbar für eine tägliche Beratungsarbeit nutzen lassen.
Der KI-Fachassistent JDC Companion informiert über Tarifleistungen und verweist auf relevante Fundstellen
Mit CASA stellt die LBS NordWest mehr als 1.000 Mitarbeitenden einen zentralen KI-Assistenten bereit. Er bereitet Fachinformationen auf, fasst Gesprächsnotizen zusammen und unterstützt bei der Erstellung von Texten und Präsentationen. Ein KI-Gateway ermöglicht eine kontrollierte Einbindung unterschiedlicher Sprachmodelle und spezialisierter Fachassistenten. So schafft CASA einen einheitlichen Zugang zu KI für wiederkehrende Wissens- und Kommunikationsaufgaben – unabhängig vom Sprachmodell.
Der Einstieg in interaktive Frage-Antwort-Systeme beginnt mit klaren Fragen: Was möchten Kund:innen oder Mitarbeitende wissen? Welche vorhandenen Daten und Inhalte liefern belastbare Antworten? Wann ist persönliche Beratung gefragt? Wer Informationsbedarf, Datengrundlagen und Übergaben an menschliche Kontakte klar definiert, kann Finanzwissen einfach und interaktiv zugänglich machen. Nachvollziehbare Antworten, Transparenz und Quellenverweise sorgen dabei für Vertrauen.
Für den Einstieg eignen sich klar umrissene, wiederkehrende Aufgaben. KI-Assistenten können etwa aktuelle Finanzkennzahlen, freigegebene Produktdaten und geprüfte Erklärinhalte zusammenführen, um Nutzerfragen und Rückfragen passend zu beantworten. Verbindliche Vorgaben für Quellenzugriffe, Berechtigungen und menschliche Kontrolle schaffen die Grundlage für einen verlässlichen Einsatz.
Perspektivisch können agentische Funktionen diese Services ergänzen, indem sie innerhalb festgelegter Grenzen passende Datenquellen und Tools auswählen. Entscheidend bleibt der konkrete Nutzen: Interaktive KI-Services müssen individuelle Informationsbedürfnisse bedienen und sich in bestehende Abläufe einfügen. Für Banken, Versicherer und vergleichbare Finanzdienstleister werden KI-Assistenten so zur Schnittstelle zwischen Finanzwissen, digitalen Services und persönlicher Beratung.
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