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Blog
Johannes Sommer
CEO, Retresco
Die Debatte über Werbung in KI-Suchen und Chatbots ist längst keine theoretische mehr – KI-Suchen sind bereits im Markt angekommen. OpenAI erweitert derzeit seine Abo- und API-Angebote um ein werbefinanziertes Geschäftsmodell. Erste Tests mit Ad-Platzierungen in ChatGPT in den USA laufen bereits in den USA. Wettbewerber Perplexity AI hingegen verabschiedet sich nach ersten Experimenten im vergangenen Jahr wieder von klassischen Displayformaten im Nutzerchat und setzt hingegen auf Publisher-Partnerschaften und Revenue-Share-Modelle.
Die Financial Times berichtet, dass Perplexity damit das Vertrauen von Nutzer:innen sichern will, die Chatbots ohne Verkaufsabsicht bevorzugen oder sonst an der Glaubwürdigkeit der bereitgestellten Inhalte zweifeln könnten. Auch der große OpenAI-Rivale Anthropic reagiert auf die Einführung von Werbung in ChatGPT: Das Unternehmen kündigte an, grundsätzlich auf Ads verzichten zu wollen – und unterstrich diese Position mit einem viel diskutierten Super-Bowl-Spot.

ChatGPT-Anzeigen in Apps: Produktempfehlungen im Gesprächsverlauf (OMR-Mockups)
Diese mit Spannung geführte Debatte ist auch für Medienhäuser hochrelevant: Zahlreiche nationale und regionale Medienunternehmen haben in den vergangenen Monaten eigene Chatbots auf ihren Portalen und in ihren Nachrichten-Apps gestartet – darunter FAZ, Neue Pressegesellschaft, Rheinische Post, NOZ oder BR und Ippen.
In den genannten Beispielen greifen die Lösungen zur Generierung von Antworten auf redaktionell geprüfte Quellen der jeweiligen Häuser zurück. Ziel ist es, den Nutzer:innen einen neuen, dialogischen Zugang zu den eigenen Inhalten und Serviceangeboten zu eröffnen und so Interaktionen, Engagement und Bindung der Nutzerschaft zu stärken.
Darüber hinaus liefern Chatbots jedoch noch einen weiteren, hochrelevanten Mehrwert: Nutzerdaten. In Chat-Systemen steht vor allem die konkrete Nutzerintention im Mittelpunkt. Durch die Analyse der gestellten Fragen lässt sich erkennen, wonach Nutzer:innen tatsächlich suchen, wofür sie sich zu bestimmten Zeitpunkten aktiv interessieren und welche Inhalte sie bei der Nutzung eines Nachrichtenportals offensichtlich erwarten. Damit entsteht ein potenziell neuer Informationsschatz – insbesondere für die Optimierung der eigenen Inhaltsproduktion und -kuration sowie für eine stärkere Personalisierung der Angebote.
Im Mediensystem stellt sich reflexartig die anschließende Frage, wie sich diese neuen Formate vermarkten und direkt monetarisieren lassen – insbesondere in einem derart innovativen Umfeld mit vermeintlich neuen, potenziell personalisierten Werbeumfeldern.
Zugleich stellt sich die Frage, ob bzw. in welchem Umfang sich werbliche Elemente integrieren lassen, ohne die journalistische Integrität zu gefährden. Gerade in der Abgrenzung zu generalistisch ausgelegten KI-Suchen und Chat-Systemen großer Technologieanbieter wie ChatGPT oder Gemini ist diese Integrität die zentrale Währung der Medienhäuser.
Große Plattformen wie ChatGPT profitieren bei der Vermarktung von ihrer enormen Reichweite. Chatangebote von Medienhäusern fehlt dieser Hebel bislang meist. Sie sind daher weniger ein Instrument zum Aufbau maximaler Reichweite als vielmehr ein innovatives Werkzeug redaktioneller Markenführung. Durch sie lassen sich Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Themenautorität, Relevanz und die Nähe zur Nutzerschaft sichtbar machen und gezielt stärken.
Vor diesem Hintergrund greift der Reflex zu kurz, Chatverläufe einfach mit herkömmlichen Bannerformaten, Native Ads oder Programmatic Advertising zu bespielen. Naheliegender erscheinen native, dialogbasierte Werbeformate, die sich direkt auf die Fragen der Nutzer:innen und ihren Kontext beziehen.
Gerade darin liegt jedoch ein Spannungsfeld: Je differenzierter und kontextbezogener die Aussteuerung erfolgt, desto kleiner wird die Reichweite einzelner Werbebotschaften. Zugleich wächst mit der Nähe zum individuellen Nutzungskontext das Misstrauen der Nutzerschaft gegenüber der Verwendung ihrer Daten. Damit erhöht sich auch das Risiko, die notwendige klare Trennung zwischen redaktionellen Antworten und kommerzieller Nutzung aus den Augen zu verlieren.
Um mit der Vermarktung von Chatbots zu starten, bieten sich Werbeformate an, die sich möglichst sinnvoll, nativ und einfach in den Chatverlauf integrieren lassen. Dazu gehören etwa klar gekennzeichnete Empfehlungsboxen in Form von Native Cards – eigenständige Werbekarten direkt unter den dynamisch generierten Antworten. Sie werden als „Anzeige“ oder „Gesponsert“ markiert und erscheinen etwa als Text-Bild-Ads mit kurzer Beschreibung sowie einer klaren Handlungsaufforderung für die Nutzer:innen.
Etwas aufwendiger sind gesponserte Intros oder Follow-up-Fragen, da es sich nicht um klassische Anzeigenformate handelt. Auch solche Platzierungen müssen eindeutig als Werbung gekennzeichnet werden. Sie werden zusammen mit thematisch passenden Beispielfragen im Chat platziert – entweder oberhalb oder unterhalb des Eingabefelds.
Beide Werbeformate können entweder statisch oder kontextsensitiv auf Basis von Nutzerfragen ausgespielt werden. Ihr Vorteil liegt darin, dass sie die Nutzerintention aufgreifen, ohne die eigentlichen Antworten zu beeinflussen.
Im weiteren Sinne handelt es sich um eigenständige, klar gekennzeichnete Elemente innerhalb der Konversation. Sie integrieren sich gestalterisch und funktional in den Gesprächsfluss, ohne ihn zu unterbrechen. Dadurch bleiben sie an den Kontext der Nutzerfragen anschlussfähig und können einen direkten Mehrwert im Dialog bieten – etwa als Empfehlung, Produktvorschlag oder weiterführender Service.
Zu unterscheiden ist zwischen kontextsensitiver Ausspielung und personalisiertem Targeting. In Chats sollten werbliche Informationen nicht auf individuellen Nutzerprofilen basieren, sondern auf den konkreten Fragen sowie ihren semantischen Kontext. Praktisch bedeutet das: Werbeanzeigen sollten nicht statisch ausgespielt werden, sofern Thema und Intention der Nutzerfrage zu einer Kampagne passen.
Für die Aussteuerung können Intent-Klassen, Themencluster und Sensitivitätsfilter genutzt werden. Vermieden werden sollte hingegen eine Ausspielung auf Basis individueller Nutzerprofile. Besondere Vorsicht ist bei Werbung in sensiblen Themenfeldern geboten, etwa bei Politik, Gesundheit, Justiz, Kinder- und Jugendthemen oder Katastrophenberichterstattung. Auch OpenAI schließt Werbung in solchen Bereichen aktuell aus bzw. schränkt sie stark ein.
Der redaktionelle Einsatz von Chatbots ebenso wie ihre Vermarktung stehen noch am Anfang. Die grundlegende Frage entspricht dabei derjenigen aus früheren Innovationsphasen: Welche primäre Zielsetzung soll ein Chatbot-Angebot erfüllen? Sollen Chats der Bindung bestehender Nutzer:innen dienen, neue Abonnent:innen gewinnen oder primär Werbeerlöse steigern? Denkbar ist auch, dass sie E-Commerce-Umsätze erhöhen oder transaktionale Services unterstützen sollen.
Erst wenn diese strategische Zielsetzung klar definiert ist, kann und sollte entschieden werden, ob und in welchem Umfang Werbung in Chat-Angebote integriert wird.
Aktuell erscheinen mehrere Szenarien realistisch:
Im ersten Szenario etablieren Medienhäuser ihre KI-Chats als umfassende Suchlösung. Die Chatbots greifen auf einen zentralen Pool durchsuchbarer Inhalte zurück – etwa Artikelarchive aus dem CMS, strukturierte Datenbanken von Informationsdiensten und Behörden sowie weitere vertrauenswürdige Drittquellen. Technisch werden diese Inhalte über Suchindizes und Vektor-Datenbanken erschlossen, sodass agentische Chatbots relevante Informationen in ihre Antworten integrieren können.
Die Monetarisierung erfolgt unter anderem über kontextuelle Native Ads oder Angebotsboxen, die auf Basis von Semantik und Nutzerintention ausgespielt werden. Die Werbeformate sind klar von redaktionellen Antworten getrennt und erscheinen etwa bei transaktionalen Anfragen.
Der Vorteil dieses Ansatzes liegt darin, dass die Chats zu einem zentralen Bestandteil eines Nachrichtenportals oder einer App werden: Der Chatbot fungiert als neue Form der Suche. Aus Vermarktungsperspektive steht dabei weniger die Reichweite im Mittelpunkt als vielmehr die Vermarktung konkreter Handlungsabsichten. Zusätzlich lassen sich standardisierte Formate wie Display-Ads oder Affiliate-Links relativ einfach integrieren. Diese können über bestehende Ad-Infrastrukturen ausgespielt werden, nutzen jedoch das Potenzial dialogischer Interaktionsumgebungen aus Sicht eines Medienhauses nur begrenzt.
Ein Risiko besteht darin, dass Nutzer:innen das Verlagsökosystem unmittelbar verlassen und die Wertschöpfung letztlich auf klickbasierte Erlösmodelle begrenzt bleibt.
Im zweiten Szenario nutzen Medienhäuser ihre Chatbots als Einstiegspunkt in einen kontrollierten Publisher-Funnel. Die Antworten des Chatbots bleiben redaktionell, während begleitende Native Ads gezielt auf verlagsinterne Landingpages und Vergleichsseiten verweisen. Nutzer:innen werden so nicht aus Publisher-Angeboten herausgeführt, sondern bleiben im Ökosystem des Medienhauses.
Die eigentliche Wertschöpfung findet auf den eigenen Seiten statt: Ratgeber, Vergleichstabellen und Service-Hubs lassen sich dort mit durchdachten Erlösmodellen verbinden – etwa durch eigene Marktplätze, regionale oder lokale Angebotsübersichten, Partnerverzeichnisse oder Serviceangebote des Hauses. Zugleich behalten Medienhäuser die Datenhoheit über Nutzerverhalten und Conversion-Pfade.
Der Vorteil dieses Modells liegt in einer deutlich höheren Wertschöpfung pro Interaktion. Die Herausforderung liegt in der operativen Komplexität: Ein funktionierender Publisher-Funnel erfordert interne Ressourcen, technisches Know-how sowie klare Governance- und Vermarktungsstrukturen.
Im dritten Szenario werden Erlösmechanismen stärker in den Dialog integriert. Setzen Medienhäuser auf eine aggressive Monetarisierungsstrategie, können neben Native Ads auch dialogische Follow-ups erscheinen, etwa zusätzliche Optionen wie: „Möchtest du passende Anbieter in deiner Nähe finden?“. In diesem Modell fungiert der Chat primär als Vermittler zwischen Nutzerintentionen und passenden externen, werblichen Angeboten.
Solche Modelle können hohe Conversion-Raten erzielen, insbesondere sofern das Angebot klar als Service positioniert und im passenden Nutzungskontext ausgespielt wird. Zugleich sind sie aus journalistischer Perspektive sensibel: Gewinnen Nutzer:innen den Eindruck, dass Antworten primär von kommerziellen Interessen getrieben werden, kann das Vertrauen in die redaktionelle Marke darunter leiden.
Im vierten Szenario entscheiden sich Medienhäuser bewusst dafür, Chats weitgehend werbefrei zu halten. Im Mittelpunkt stehen die Steigerung des Nutzerengagements sowie eine stärkere Nutzerbindung. Erlöse entstehen vor allem durch treue, langfristige und regelmäßig wiederkehrende Digitalabonnent:innen. Offen bleibt jedoch, ob vollständig werbefreie Chatbots auf Dauer ein wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell darstellen können.

Journalistisch aufbereitetes, interaktives Native-Advertising-Special von Mercedes-Benz bei der Washington Post
Die Prämisse aktueller Experimente zur Monetarisierung von Chats sollte nicht darin bestehen, möglichst schnell möglichst viel Werbung in Konversationen zu integrieren. Entscheidend ist vielmehr – wie in der Vergangenheit – eine klare Architektur, die redaktionelle Inhalte und Vermarktung strikt voneinander trennt.
Die KI sollte Antworten ausschließlich auf Basis journalistischer Inhalte generieren. Parallel dazu kann ein separater Vermarktungs-Layer Kontext und Nutzerintention mit bestehenden Kampagnen abgleichen. Erst in der Nutzeroberfläche werden beide Ebenen zusammengeführt – innerhalb klarer Leitplanken: transparente Kennzeichnung, Ausschlusskategorien, Frequency Capping sowie verbindliche Governance-Regeln zwischen Redaktion, Produkt und Vermarktung.
Gerade bei interaktiven Angeboten ist nicht jeder zusätzliche Euro automatisch sinnvoll verdient. Werden kommerzielle Elemente zu dominant oder zu häufig ausgespielt, entsteht schnell der Eindruck, das Angebot sei primär auf Monetarisierung ausgerichtet. Für journalistische Premium-Marken birgt das ein erhebliches Risiko.
Die Zukunft liegt nicht in der einfachen Übertragung bekannter Werbelogiken auf neue interaktive Chatformate. Erfolgreich werden jene Medienhäuser sein, die KI-Chats als eigenständige Form der Nutzerinteraktion begreifen – und Monetarisierung nur dort einsetzen, wo sie dem Nutzer:innen einen echten Mehrwert bietet und zum jeweiligen Nutzungsmoment passt.
Die strategische Frage lautet daher nicht: Wie bringen wir Werbung in Chats? Sondern: Welches Geschäftsmodell passt zu neuen Interaktionsformaten, in denen Relevanz, Handlungsabsicht und Vertrauen enger miteinander verbunden sind als je zuvor? Wer darauf eine überzeugende Antwort findet, kann aus dialogischen Angeboten und Services nachhaltige, belastbare Geschäftsmodelle entwickeln.
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