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Harald Oberhofer
Head of Marketing, Retresco
2027 wird ein intensives Wahljahr: Im Saarland und in Schleswig-Holstein werden am 18. April neue Landtage gewählt, in Nordrhein-Westfalen am 25. April, in Bremen am 30. Mai und in Niedersachsen am 26. September. Zudem finden am 30. Mai in Bremen Kommunalwahlen statt. Für Medienhäuser stellt sich damit heute die Frage:
Wie lassen sich Wahlprogramme, Kandidatenprofile und redaktionelle Inhalte so aufbereiten, dass Nutzer:innen einfach und schnell Antworten auf ihre persönlichen Fragen erhalten?
Wie politische Informationen per Chatbot bereitgestellt werden können, zeigte die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen am 13. September 2026. Der direkt in noz.de und die News-App integrierte Wahlbot beantwortete Fragen zu Kandidierenden, kommunalpolitischen Positionen, Wahlverfahren und regionalen Zusammenhängen. Wir haben das Angebot einem Praxistest unterzogen.
Kommunalwahlen gehören zu den anspruchsvollsten Anwendungsfällen für journalistische KI-Systeme. Politische Positionen unterscheiden sich nicht nur zwischen Parteien, sondern häufig auch zwischen Städten, Landkreisen und einzelnen Kandidierenden. Zugleich stehen kaum belastbare Umfragen zur Verfügung, während Wahlprogramme und Informationen über lokale Wählergemeinschaften sehr unterschiedlich aufbereitet sind.
Der NOZ-Wahlbot begegnet dieser Komplexität mit einem klar abgegrenzten Quellenraum. Er basiert auf dem hauseigenen Q&A-System „frag noz“ und greift ausschließlich auf geprüfte NOZ-Artikel aus den vergangenen zwei Jahren sowie auf standardisierte Fragebögen zurück, die ein Großteil der Kandidat:innen beantwortet hat.
Damit positioniert die NOZ ihren KI-Chatbot für Kommunalwahlen als lokale Alternative zu generalistischen KI-Suchen wie ChatGPT oder Google Gemini. Das System wurde intern entwickelt. In Tests mit rund 900 Personen wurden 70 % der interaktiv bereitgestellten Antworten positiv bewertet. Die technische und redaktionelle Konzeption des Wahlbots beschreibt die NOZ in ihrer Ankündigung zur Kommunalwahl.
Der NOZ-Wahlbot beantwortete Fragen zur Kommunalwahl 2026 auf Basis geprüfter NOZ-Artikel
Eine wesentliche Stärke des Wahlangebots ist seine Quellentransparenz. Der Wahlbot versieht Aussagen mit nummerierten Fußnoten. Fährt die Nutzer:innen mit dem Mauszeiger über einen Quellenverweis, erscheint eine Vorschau des zugrunde liegenden NOZ-Artikels. So bleibt sichtbar, auf welcher redaktionellen Grundlage eine Antwort entstanden ist.
Das unterscheidet den quellenbasierten Wahlassistenten grundlegend von generalistischen KI-Suchen: Seine Antworten beruhen nicht auf allgemeinem Modellwissen, sondern auf einem klar definierten, redaktionell verantworteten Informationsbestand. Für Medienhäuser ist das unerlässlich, denn nicht zuletzt bei politischen Informationen zählen Herkunft, Aktualität und Nachvollziehbarkeit.
Fußnoten und Artikelvorschauen verknüpfen die KI-Antwort direkt mit redaktionellen Quellen
Seine Stärken spielt der NOZ-Wahlbot vor allem bei konkreten, lokal zugeschnittenen Fragen aus. Dazu gehören beispielsweise:
Gerade beim Vergleich von Kandidierenden liefert der Wahlbot ausführliche und gut strukturierte Antworten. Auch Fragen zu Wählergruppen, demografischen Zusammenhängen, Wahlverfahren und der politischen Bedeutung einzelner Entscheidungen wurden überzeugend beantwortet. Die Nutzerschaft musste sich nicht durch zahlreiche Porträts, Interviews und Einzelartikel arbeiten, sondern können ihre persönliche Informationsfrage direkt formulieren.
Folgefragen sind ebenfalls möglich. So kann aus einer ersten Übersicht ein vertiefendes Gespräch entstehen: Nach dem Vergleich zweier Kandidierender lassen sich einzelne Themenfelder, Positionen oder Unterschiede genauer untersuchen. Politische Informationen per Chatbot werden damit nicht als statische Zusammenfassung, sondern als dialogisches Rechercheangebot bereitgestellt.
Wichtiger Mehrwert des Wahlbots: Ausführlicher Vergleich zweier Kandidierender und ihre Positionen
Der Praxistest macht zugleich deutlich, wie stark die Qualität eines solchen Systems von seinem Quellenbestand abhängt. Auf die allgemeine Frage, worin sich CDU und SPD unterscheiden, liefert der Bot eine Antwort. Wird der Bezug zu den Kommunalwahlen 2026 ausdrücklich hergestellt, weist das System dagegen darauf hin, dass ihm keine ausreichenden aktuellen Informationen vorliegen. Offenbar standen nicht immer alle aktuellen lokalen Parteiprogramme in strukturierter Form zur Verfügung.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Zusammenstellung eines belastbaren Quellenbestands für Wahlchats zu Kommunalwahlen nicht zuletzt in einem Flächenstaat wie Niedersachsen eine besondere Herausforderung darstellt. Zu berücksichtigen sind eine Vielzahl unterschiedlicher Parteien und Wählergruppen sowie zahlreiche lokale Kandidaten- und Wahlprogramme, die zudem häufig in unterschiedlichen Formaten und mit unterschiedlicher Aktualität vorliegen.
Diese Zurückhaltung durch den Wahlbot ist grundsätzlich positiv. Ein vertrauenswürdiger KI-Chatbot für Kommunalwahlen sollte fehlende Quellen offen benennen, statt Wissenslücken mit plausibel klingenden Aussagen zu füllen. Zugleich zeigt das Beispiel, dass redaktionelle Artikel allein nicht jede mögliche Nutzerfrage abdecken. Je nach Wahl und Region werden deshalb idealerweise Wahlprogramme, Kandidatenfragebögen, amtliche Wahlinformationen und geprüfte Ergebnisdaten eingebunden.
Auch Fragen zu aktuellen Umfragewerten kann das System beantworten, sofern entsprechende Daten vorliegen. Bei Kommunalwahlen fehlen solche Erhebungen jedoch häufig. Fragen zur vorherigen Wahl verblieb der Wahlbot im Test teilweise im Allgemeinen.
Der Wahlbot war bei der NOZ kein isoliertes KI-Experiment, sondern Bestandteil einer breit angelegten digitalen Berichterstattung am Wahltag. Mehr als 50 Mitarbeitende berichteten aus Wahllokalen und von Wahlpartys, Live-Ticker begleiteten den Wahlabend, interaktive Grafiken wurden regelmäßig aktualisiert und Videointerviews mit Gewählten und Kandidierenden veröffentlicht. Hinzu kamen mehr als ein Dutzend gestreamte Podiumsdiskussionen sowie eine E-Paper-Sonderausgabe für Premium-Abonnenten.
Die Bilanz zeigt, welches Potenzial in der Verbindung von lokaljournalistischer Präsenz und digitalen Formaten liegt: Die NOZ/Medien-Holding Nord hat am Wahlsonntag fast viermal so viel Traffic wie an einem gewöhnlichen Sonntag und dreimal so viele neue Paywall-Abonnements. Auch die Zahl neuer Nutzer:innen, Registrierungen sowie die Mediatime haben sich verdoppelt. Besonders bemerkenswert: Mit den digitalen Angeboten wurden auch viele Print- und Premium-Abonnenten erreicht, die Homepage und News-App sonst seltener nutzen.
Eine direkte Kausalität zwischen Wahlbot und diesen Gesamtwerten lässt sich daraus zwar nicht ableiten. Das Beispiel zeigt aber, wie ein quellenbasierter Wahlassistent Live-Berichterstattung, Videos, Grafiken und Hintergrundartikel zu einem zusätzlichen interaktiven Zugang verbinden kann.
Der NOZ-Wahlbot macht drei Erfolgsfaktoren sichtbar. Erstens braucht ein KI-Chatbot für Kommunalwahlen einen klar definierten und redaktionell kontrollierten Quellenraum. Zweitens müssen Quellen und Wissensgrenzen für Nutzer:innen transparent bleiben. Drittens entfaltet ein Wahlassistent seine größte Wirkung nicht als separates Technologieprojekt, sondern eingebettet in die journalistische Berichterstattung, bestehende Q&A-Angebote und die digitale Produktstrategie.
Für kommende Landtags- und Kommunalwahlen können Medienhäuser diesen Ansatz weiterentwickeln: mit vollständigen Parteiprogrammen, strukturierten Kandidatenprofilen, amtlichen Daten, regionalen Rollenprofilen und dynamisch generierten Starterfragen für einzelne Orte oder Wahlkreise. Denkbar sind zugleich Live-Daten zu Ergebnissen, personalisierte Vergleiche und eine Auswertung häufig gestellter Fragen als zusätzliches Signal für Redaktion und Audience Development.
Wahlbots ersetzen weder politische Einordnung noch lokale Recherche durch die Redaktionen. Sie schaffen jedoch einen neuen Zugang zu bereits vorhandener journalistischer Leistung. Statt eine feste Auswahl von Artikeln zu durchsuchen, können Nutzer:innen genau jene Frage stellen, die für ihren Wohnort und ihre persönliche Wahlentscheidung relevant ist.
Der Praxistest des NOZ-Angebots zeigt: Ein quellenbasierter Wahlassistent kann selbst eine so fragmentierte Informationslandschaft einer Kommunalwahl sinnvoll erschließen. Entscheidend sind die Qualität und Vollständigkeit der Quellen, eine konsequente redaktionelle Kontrolle sowie eine Nutzerführung, die Orientierung bietet. Werden diese Voraussetzungen erfüllt, wird politische Information per Chatbot zu einem echten journalistischen Produkt – und zu einer Chance für mehr Nutzung, Vertrauen und Bindung auf den eigenen Plattformen.
Du hast Fragen, Anmerkungen oder Interesse? Sprich uns an – wir melden uns gerne bei dir!