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Harald Oberhofer
Head of Marketing, Retresco
Die Anforderungen an moderne KI in der Wahlberichterstattung wachsen rasant: Nutzer:innen erwarten längst mehr als statische Analysen. Gefragt sind interaktive Informationsangebote, die vielschichtige politische Positionen verständlich, transparent und möglichst direkt vergleichbar machen.
Zugleich gehören Wahlprogramme zu den wichtigsten Informationsquellen vor einer Wahl – und zu den sperrigsten. Sie umfassen häufig Hunderte Seiten, unterscheiden sich erheblich in Aufbau, Sprache und Schwerpunktsetzung und machen den direkten Vergleich einzelner Positionen entsprechend aufwendig.
Der Berliner Tagesspiegel zeigt zur Berliner Abgeordnetenhauswahl 2026, wie sich diese Informationsfülle mithilfe von KI deutlich einfacher erschließen und nutzerfreundlich aufbereiten lässt.
Vom Wahlprogramm zur individuellen Antwort: Der Tagesspiegel macht Parteipositionen per KI interaktiv erfragbar
Mit dem experimentellen KI-Wahlassistenten zur Berlin-Wahl können Nutzer:innen den Wahlprogrammen der Parteien inhaltliche Frage stellen. Das Versprechen über dem Eingabefeld bringt den Ansatz auf den Punkt: „Antworten aus den Wahlprogrammen, zusammengefasst mit KI“. Statt sich selbst durch unübersichtliche PDF-Dokumente und lange Kapitel zu arbeiten, können Nutzer:innen ihre Fragen formulieren, passgenaue Antworten bekommen und die Positionen der Parteien direkt miteinander vergleichen lassen.
Damit entwickelt der Tagesspiegel umfangreiche Partei-Wahlprogramme zu einem dialogischen und vergleichenden Informationsangebot weiter. Das ist nicht nur für die Wahlberichterstattung interessant. Der Ansatz zeigt exemplarisch, wie Medienhäuser umfangreiche, klar abgegrenzte Wissensbestände mithilfe von KI interaktiv erschließen und für ihre Nutzerschaft einfach und effektiv zugänglich machen können.
Der zentrale Unterschied zu herkömmlichen Wahlchecks liegt im Einstieg: Die Nutzerschaft bestimmt, was sie wissen möchten. Fragen lassen sich frei formulieren oder als Stichwort eingeben. Daneben bietet der Tagesspiegel vorgegebene Themen als Ausgangspunkt an. Möglich sind etwa Fragen zu Mieten, öffentlicher Sicherheit, Verkehr oder zum Wirtschaftsstandort. Dabei empfiehlt der Tagesspiegel möglichst konkrete inhaltliche Fragen. Wertende Fragen, etwa nach der „besten“ Partei, sind dagegen explizit nicht vorgesehen. Das KI-Tool soll Parteien nicht beurteilen, sondern transparent machen, welche Positionen sie in ihren Wahlprogrammen vertreten.
Aus einer statischen Sammlung von Dokumenten entsteht auf diese Weise ein Wahlprogramm-Chat, der sich an den individuellen Informationsinteressen der Nutzerschaft orientiert. Gerade darin liegt eine wichtige Entwicklung für KI in der Wahlberichterstattung: Journalistische Angebote müssen nicht mehr ausschließlich entlang vorab definierter Themen und Artikel strukturiert werden.
Die Datenbasis des Systems ist klar abgegrenzt. Der KI-Wahlchat greift weder auf das allgemeine Wissen des verwendeten Sprachmodells noch auf beliebige Internetquellen zurück. Grundlage sind ausschließlich die hinterlegten Wahlprogramme der Parteien. Dafür wurden die Programme in einzelne Abschnitte zerlegt und maschinell erschlossen.
Bei einer Anfrage erweitert das System die Suche zunächst um semantisch verwandte Begriffe und bewertet die gefundenen Textstellen anschließend nach ihrer Relevanz. Erst auf Basis dieser ausgewählten Passagen generiert das angedockte Sprachmodell prägnante Zusammenfassungen. Für die textliche Aufbereitung erhält es ausschließlich die zuvor identifizierten Textstellen und ist zugleich instruiert, im Zweifel keine Aussage zu treffen, die über die vorliegenden Quellen hinausgeht.
Damit folgt der Wahlprogramm-Chat einem Muster, das für viele interaktive Informationsangebote zum Einsatz kommt: Ein klar definierter Dokumentenbestand wird auf Grundlage einer individuellen Nutzerfrage gezielt durchsucht, relevante Inhalte werden per Retrieval identifiziert und von der KI zusammengefasst. Bei Fragen nach Unterschieden oder Gemeinsamkeiten zwischen mehreren Parteien werden deren Positionen zum selben Thema auf Basis der jeweiligen Wahlprogramme gegenübergestellt – während die zugrunde liegenden Originalquellen jederzeit nachvollziehbar bleiben.
Nicht zuletzt für politische Informationsangebote ist die Nachvollziehbarkeit KI-basierter Ergebnisse unerlässlich. Deshalb wird bei den interaktiven Antworten transparent darauf hingewiesen, dass die Zusammenfassungen KI-generiert und redaktionell nicht vorab geprüft wurden. Umso wichtiger ist eine weitere Funktion:
Nutzer:innen können sich zu den Antworten die zugrunde liegenden Textstellen anzeigen lassen und von dort in die umliegenden Abschnitte des jeweiligen Wahlprogramms wechseln. Zugleich werden die Originalprogramme direkt verlinkt.
Vom KI-Überblick zur Originalquelle: Der Tagesspiegel verlinkt auf relevante Textstellen und Wahlprogramm-Auszüge
Während die KI damit Orientierung bietet und den Zugang zu den Inhalten erleichtert, bleiben die Originalquellen die maßgebliche Referenz. Zugleich macht der Tagesspiegel die Grenzen des Systems transparent. Eine fehlende Antwort bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine Partei zu einem Thema keine Position vertritt. Eine entsprechende Aussage kann im Wahlprogramm fehlen oder vom Retrieval nicht erfasst worden sein. Zudem bildet das System nicht sämtliche Aussagen einer Partei ab, sondern priorisiert Textstellen, die nach Einschätzung des Sprachmodells für die jeweilige Frage am relevantesten sind.
Durchsucht werden die Programme der CDU, SPD, Grünen, Linken, AfD, FDP und des BSW. Ihre Reihenfolge innerhalb der Ausgabe ist festgelegt und orientiert sich am Ergebnis der letzten Berliner Abgeordnetenhauswahl. Die Reihenfolge ist damit ausdrücklich keine Bewertung der Relevanz einer Antwort.
Bewusst außerhalb des Funktionsumfangs liegen hingegen aktuelle Umfragen und Wahlprognosen, laufende Positionierungen im Wahlkampf, Informationen zu Spitzenkandidat:innen oder allgemeine Fragen zum Wahlverfahren. Für solche Themen verweist der Tagesspiegel auf seine reguläre journalistische Berichterstattung.
Darin zeigt sich eine sinnvolle Produktlogik: Ein KI-Assistent muss nicht jede denkbare Frage beantworten. Ein klar abgegrenzter Use Case sorgt Orientierung bei der Nutzerschaft und lässt sich zugleich redaktionell besser kontrollieren.
Der KI-Assistent steht nicht isoliert neben der redaktionellen Berichterstattung, sondern ist gezielt in das journalistische Angebot eingebunden. Das zeigt sich etwa auf der Übersichtsseite des Ressorts „Interaktiv“, auf der die Wahlprogramme der Parteien entlang verschiedener Themenfelder analysiert werden. Der KI-Wahlchat erweitert dieses Angebot, indem er die redaktionellen Analysen und Artikel um einen individuellen, dialogischen Zugang zu den Wahlprogrammen ergänzt.
Für Medienhäuser liegt genau darin großes Potenzial. KI muss kein separates Produkt neben dem Journalismus sein. Sie kann zu einem zusätzlichen Kontaktpunkt für journalistisch kuratierte Inhalte und Quellen werden.
Auch nach einer Antwort endet die Nutzerführung nicht. Beim Thema Mietendeckel werden etwa thematisch verwandte Fragen vorgeschlagen, etwa zu steigenden Mieten, bezahlbarem Wohnen oder Gentrifizierung. Daneben werden weitere Themen und reguläre Inhalte zur Berlin-Wahl angeboten.
So wird aus einer einzelnen Suche eine mögliche Content Discovery durch die bereits vorliegenden Inhalte: Eine Frage führt zur Antwort, von dort zu verwandten Fragestellungen, Originalquellen und weiterführender journalistischer Berichterstattung.
Für Publisher ist dieser Ansatz nicht zuletzt strategisch interessant. Die KI beantwortet nicht nur individuelle Fragen, sondern kanalisiert die Navigation durch umfangreiche Inhalte. An die Stelle einer ausschließlich von Ressorts, Rubriken und Suchbegriffen geprägten Nutzerführung tritt eine zusätzliche, intentionale Ebene: Woran ist die Nutzerschaft konkret interessiert – und welche Inhalte helfen als Nächstes weiter?
Der Wahlprogramm-Chat steht den Nutzer:innen im Rahmen von Tagesspiegel Plus zur Verfügung. Damit wird der KI-Wahlassistent zum Bestandteil des digitalen Produktangebots.
Parteipositionen enerklärt: Der KI-Wahlassistent stellt Antworten der Parteien farblich differenziert gegenüber
Der Mehrwert entsteht dabei nicht unbedingt durch neue exklusive Informationen. Die Wahlprogramme sind öffentlich zugänglich. Der Produktwert liegt vielmehr darin, Informationen schneller auffindbar, vergleichbar und individuell zugänglich zu machen.
Genau daraus lassen sich neue Premium-Funktionen entwickeln: Fachassistenten, interaktive Archive, dialogische Dossiers, personalisierte Rechercheangebote oder themenspezifische Informationssysteme.
Noch eine weitere Ebene des KI-Projekts ist aus Publishersicht interessant. Der Tagesspiegel speichert gestellte Fragen intern. Identische Anfragen können dadurch schneller beantwortet werden. Zugleich erhält die Redaktion Erkenntnisse darüber, welche Themen die Nutzer:innen innerhalb der Wahlprogramme tatsächlich interessieren, wobei aus Datenschutzerwägungen weder Namen noch E-Mail- oder IP-Adressen gespeichert werden.
Während herkömmliche Webanalysen vor allem Fragen beantworten wie „Welche Artikel werden gelesen?“ oder „Welche Links werden geklickt?“, liefern dialogische Angebote ein qualitative Insights für Redaktion, Produktentwicklung und Nutzerbindung: Woran sind Nutzer:innen konkret interessiert?
Für Medienhäuser können aggregierte Nutzerfragen und daraus abgeleitete Themencluster wertvolle Einblicke in Informationsbedürfnisse, aktuelle Interessen sowie bislang nicht oder nur unzureichend beantwortete Themen liefern.
Der Use Case beim Tagesspiegel ist bewusst klar eingegrenzt: Ein definierter Quellenbestand wird durchsucht, relevante Textstellen werden identifiziert und daraus Antworten generiert. Gerade eine solche kontrollierte Architektur macht den Ansatz für ein sensibles Themenfeld wie politische Information interessant.
Zugleich lässt sich dieses Prinzip für Medienhäuser weiterdenken. Agentische KI für Medienhäuser kann neben Artikeln und redaktionellen Inhalten weitere kontrollierte Quellen, Datenbanken und APIs kontextabhängig einbeziehen. Abhängig von der jeweiligen Nutzerfrage wählt und priorisiert das KI-System gezielt die relevanten Quellen und Tools – und erweitert so die Informationsbasis dynamisch.
Aus einem Wahlprogramm-Chat könnte auf diese Weise etwa ein übergreifender interaktiver Wahlinformationsdienst entstehen: Unter klar definierten journalistischen Leitplanken erschließt die KI Wahlprogramme, redaktionelle Analysen, Kandidatenprofile, geprüfte Wahldaten oder aktuelle Umfragen, hält die unterschiedlichen Quellentypen transparent voneinander getrennt und weist bei jeder Antwort nachvollziehbar aus, auf welchen Informationen die interaktiven Antworten basieren.
Insgesamt ist der KI-Wahlassistent des Tagesspiegels über die Berlin-Wahl hinaus interessant. Er verdeutlicht, wie Medienhäuser aus vorhandenen Inhalten neue digitale Nutzungserlebnisse entwickeln können.
Wahlprogramme werden nicht mehr nur verlinkt, zusammengefasst und redaktionell integriert. Nutzer:innen können selbst Fragen an den zugrunde liegenden Wissensbestand stellen. Die KI übernimmt Retrieval, Verdichtung und Darstellung, während Originalquellen als überprüfbare Referenz bestehen bleiben.
Für Medienhäuser eröffnet dieses Prinzip zahlreiche zusätzliche Einsatzgebiete: umfangreiche Verlagsarchive, thematische Dossiers, Lokalwissen, Ratgeberbestände oder strukturierte Daten können auf vergleichbare Weise zu interaktiven Informationsangeboten werden.
Du hast Fragen, Anmerkungen oder Interesse? Sprich uns an – wir melden uns gerne bei dir!