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Simon Pollock
Senior AI Account Manager & Strategy Advisor, Retresco
Ein Drittel weniger Traffic, wachsende Bedeutung von Künstlicher Intelligenz und steigender Innovationsdruck im Newsroom: Der neue Report „Journalism, Media, and Technology Trends and Predictions 2026“ des Reuters Institute for the Study of Journalism liefert spannende Einblicke in die aktuelle Realität von Medienhäusern und Publishern weltweit.
So viel vorweg: Für Entscheider und Praktiker ist KI im Journalismus kein Zukunftsthema mehr – sie entscheidet schon heute über Reichweite, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit. Die Studie basiert auf Befragungen von 280 Führungskräften aus 51 Ländern, durchgeführt Ende des vergangenen Jahres. Befragt wurden unter anderem CEOs, Chefredakteur:innen sowie Digitalverantwortliche. Die Mehrheit der Teilnehmenden stammt aus Großbritannien, den USA sowie aus europäischen Ländern wie Deutschland, Spanien, Frankreich, Österreich, den Benelux-Staaten und den Niederlanden.
Im Folgenden stelle ich meine fünf wichtigsten Erkenntnisse aus dem Reuters-Report vor. Zugleich gebe ich meine Einschätzung, was sie konkret für Medienhäuser und Publisher bedeuten.
Was sich im Medienmarkt bereits länger abgezeichnet hat, ist nunmehr Realität: Google hat zunehmend seine Rolle als zentraler Traffic-Lieferant für Publisher abgegeben. Medienhäuser weltweit verzeichnen im Schnitt einen Rückgang von rund einem Drittel ihres Such-Traffics, in den USA sogar bis zu 38 %. Hauptursache sind Googles AI Overviews, die Nutzerfragen direkt auf der Suchergebnisseite beantworten. Auch Google Discover trägt zu dieser Entwicklung bei und liegt im Jahresvergleich rund 21 % im Minus. Für die Redaktionen bedeutet das einen tiefgreifenden Strukturwandel, der weit über kurzfristige Reichweitenverluste hinausgeht.

Google-Traffic bricht ein: -33 % bei der Suche und -21 % bei Discover
Die Prognosen fallen noch drastischer aus: In den kommenden drei Jahren rechnen Medienhäuser mit weiteren Einbußen von durchschnittlich 43 % beim Such-Traffic, jedes fünfte Unternehmen erwartet sogar einen Einbruch von mehr als 75 %. Besonders stark betroffen sind Lifestyle- und Service-Inhalte wie Wetterberichte, TV-Programme oder Horoskope sowie Evergreen-Formate. Widerstandsfähiger zeigen sich investigative Recherchen, fundierte Einordnungen, Analysen und exklusive Inhalte – also genau jene journalistischen Leistungen, die sich nicht ohne Weiteres von einer KI oder einem Chatbot ersetzen lassen.
Die Konsequenz daraus ist klar: Neben direkten Kundenbeziehungen und „Owned Media“ müssen Medienhäuser ihre Strategien weiterentwickeln und gezielt in Generative Engine Optimization (GEO) investieren. Ziel sollte es sein, in den Quellenangaben von Chatbots wie ChatGPT, Gemini oder Perplexity sichtbar zu bleiben und als verlässliche Referenz wahrgenommen zu werden. Auch wenn das dort generierte Traffic-Volumen aktuell noch überschaubar ist, dürfte die Präsenz in KI-Suchen perspektivisch zu einem wichtigeren Faktor für Reichweite, Markenstärke und Relevanz werden.
KI-Chatbots kommen 2026 im Medienökosystem Plattformen wie YouTube und TikTok nahe und markieren damit einen tiefgreifenden Wandel für KI im Journalismus. Die Reaktion der Branche auf sinkende Reichweiten über Google fällt eindeutig aus: Medienhäuser setzen verstärkt auf eine Diversifikation ihrer Ausspielkanäle.
Besonders deutlich wird das in den Investitionsschwerpunkten für 2026. YouTube bleibt mit einem Plus von 74 % der wichtigste Wachstumstreiber, doch direkt dahinter folgen KI-Plattformen und Chatbots als neuer Zugangspunkt zu journalistischen Inhalten mit 61 %. Auch TikTok legt mit 56 % weiter zu.

Medienhäuser und Publisher setzen 2026 auf KI-Chatbots – neben YouTube und TikTok
Zugleich rückt ein neues Modell in den Fokus: Redakteur:innen entwickeln sich zu Creator:innen, bauen Personal Brands auf, pflegen Communities und stärken die direkte Bindung zu ihren Nutzer:innen. Parallel dazu verändern Chatbots die Spielregeln im Journalismus grundlegend. Journalist:innen müssen verstehen, wie ihre Inhalte in Chatbots und KI-Suchen verwendet werden. Content wird nicht mehr nur gelesen, sondern in interaktiven Angeboten zusammengefasst, zitiert und zur Beantwortung von Fragen herangezogen.
KI im Journalismus hat sich in den vergangenen Jahren von einem experimentellen Einsatzfeld zu einer zentralen Infrastruktur im Newsroom entwickelt. Immer mehr Medienhäuser setzen gezielt auf Künstliche Intelligenz, um redaktionelle Prozesse effizienter, schneller und skalierbarer zu organisieren. Dabei halten 97 % der Verantwortlichen eine End-to-End-Automatisierung für unerlässlich, während bereits 82 % KI für das Newsgathering nutzen. Auch in der Produkt- und Softwareentwicklung spielt KI im Journalismus eine wichtige Rolle: 81 % der Befragten setzen sie ein, um Entwicklungszyklen zu verkürzen und Innovationen schneller umzusetzen.
Zu den wichtigsten Anwendungsfeldern zählen Transkriptionen, Copyediting sowie die automatisierte Erstellung von Metadaten, die von 64 % genutzt werden. Darüber hinaus wird KI im Journalismus verstärkt eingesetzt in der Programmierung (44 %), in kommerziellen Anwendungen (33 %) sowie in der Recherche und Themenfindung (29 %). Grundsätzlich lässt sich festhalten: KI ist im Journalismus strategisch relevant – operativ jedoch noch nicht flächendeckend angekommen.
Die größte Hürde bei KI im Journalismus ist nicht die Technologie selbst, sondern ihre konsequente Umsetzung. Externe Disruption durch KI-Suchen und geschlossene Ökosysteme sind eine größere Herausforderung, greift jedoch zu kurz. Innovationshürden gibt es auch innerhalb der Organisationen: Fehlende Ressourcen bremsen laut Report 62 % der Medienhäuser aus, 48 % kämpfen mit mangelnder Abstimmung zwischen unterschiedlichen Teams und 33 % verfügen nicht über die notwendigen Fähigkeiten, um robuste KI-Lösungen zu realisieren.

Die größten Innovationsherausforderungen für Medienhäuser und Publisher 2026
Damit ist klar, dass nicht Visionen oder strategische Absichtserklärungen über den Erfolg von KI im Journalismus entscheiden, sondern die Fähigkeit, KI-Projekte konsequent in belastbare Prozesse, funktionierende Workflows und eine passende Organisationskultur zu übersetzen.
Aus dem Reuters-Report lässt sich zudem ein interessanter Widerspruch herauslesen, der viel über den Zustand der KI im Journalismus aussagt: Während 53 % der Befragten optimistisch auf die Zukunft ihres eigenen Medienhauses blicken, teilen nur 38 % diesen Optimismus mit Blick auf den Journalismus insgesamt. Dieses Auseinanderdriften von Vertrauen ins eigene Haus und Zweifel an der gesamten Branche ist kein kurzfristiger Effekt, sondern Teil einer längerfristigen Entwicklung. Seit 2022 ist der Optimismus für den Journalismus um ganze 22 Prozentpunkte gesunken.
Als zentrale Gründe nennen die Befragten die Unsicherheit über die langfristigen Auswirkungen von KI im Journalismus, die zunehmende Konkurrenz durch externe Creator-Ökosysteme sowie politisch motivierte Angriffe auf Medien. KI wird dabei zugleich als Chance und Risiko wahrgenommen: Einerseits verspricht sie Effizienzgewinne und neue journalistische Formate, andererseits schürt sie Sorgen um Qualität, Glaubwürdigkeit und wirtschaftliche Stabilität.
Der Report lässt wenig Interpretationsspielraum: Künstliche Intelligenz verändert den Journalismus nicht schrittweise, sondern strukturell. Wer sie weiterhin als bloßes Tool betrachtet, verkennt die Tragweite. Sichtbarkeit und Reichweite entstehen nicht mehr automatisch durch Google, sondern zunehmend über KI-Anwendungen, die Inhalte weiterverarbeiten und gezielt bereitstellen.
Medienhäuser verlieren ohne KI-Strategie die Kontrolle über ihre Reichweite. Chatbots und Generative Engine Optimization sind keine Spielerei, sondern eine relevante publizistische und wirtschaftliche Kompetenz der Zukunft. Zugleich steigt der Wert dessen, was KI nicht leisten kann: originäre Recherche, Einordnung, Haltung und journalistische Qualität. Für Medienorganisationen heißt das unmissverständlich: KI darf kein isoliertes Experiment bleiben. Sie muss redaktionell, technologisch und strategisch beherrscht werden.
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