linguistic interview

Zukunftsweisendes Arbeiten in der Linguistik: Interview mit Retresco-Mitarbeiterin Dr. Viktoria Apel

Was macht eigentlich ein Language Architect? Vor welchen Herausforderungen stehen GeisteswissenschaftlerInnen bei dem Jobeinstieg? Und wie bereitet man sich auf eine Führungsposition vor? Diese und weitere spannende Fragen beantwortet Dr. Viktoria Apel, Team Lead Linguistic Data Unit bei Retresco, im Interview.

 

Frage: Als Language Architect hast du vermutlich eine Jobbezeichnung, die für Außenstehende nicht leicht verständlich ist. Wenn man an Linguistik denkt, kommen den Meisten vermutlich nicht Software & Daten in den Sinn. Kannst du uns dein Berufsbild genauer skizzieren? Was steckt dahinter und was macht deine Arbeit bei Retresco so besonders?

Viktoria: Vor meiner Bewerbung bei Retresco hatte ich auch nur eine grobe Vorstellung davon, was man mit Linguistik in einem Softwareunternehmen anfangen kann. Der Begriff Language Architect trifft es aber eigentlich schon ganz gut: Im Kern analysiert man Daten und konzipiert im Anschluss Texte (bzw. deren Architektur), die die Daten inhaltlich einbeziehen und gleichzeitig die linguistischen Merkmale der Einzelsprache, die Anforderungen an die Textsorte und den Nutzen für den Leser berücksichtigen. Bei der Datenanalyse gibt es für mich persönlich am Stärksten Überschneidungen mit meiner früheren Arbeit in der Linguistik. Man sucht permanent nach Mustern und Strukturen und nach Möglichkeiten, damit umzugehen. Auch beschäftigen wir uns mit den Eigenschaften von verschiedenen Einzelsprachen und Sprachgruppen, das macht mir am meisten Spaß. Was die Arbeit am Abwechslungsreichsten macht, ist aber eigentlich das ganze Drumherum: der Kundenkontakt, die Abstimmung mit den anderen Abteilungen, die Zusammenarbeit innerhalb meines Teams, etc.

 

Frage: Als studierte Geisteswissenschaftlerin findest du dich nun in einem Berufsbild wieder, dass du dir vermutlich im Vorfeld dir gar nicht so konkret vorgestellt hast. Wie kam es dazu? Und welche Impulse würdest du insbesondere Berufsanfängern mit ähnlichen akademischen Hintergründen mit dem Wege geben wollen?

Viktoria: Für mich wurde während der Promotion in Afrikalinguistik immer klarer, dass ich nicht in der Forschung bleiben möchte, auch wenn ich mir inhaltlich nichts Interessanteres vorstellen kann. Die Arbeitsbedingungen sind mehr als suboptimal: befristete Arbeitsverträge, wenige feste Stellen und Aufstiegsmöglichkeiten, häufige Umzüge, der hohe und permanente Arbeitsdruck, usw. Für mich sind das viele Themen, die sich gerade auf Frauen negativ auswirken, wenn ich an Vermögensaufbau und die Vereinbarung von Familie und Beruf denke. Es hat mich um die 80 Bewerbungen gekostet, bis ich bei Retresco gelandet bin, und ich kann jeder und jedem nur raten: Gebt nicht auf! Es ist für Geisteswissenschaftler*innen – besonders für welche aus Orchideenfächern – kein leichter Weg in den Berufseinstieg und man braucht einen langen Atem. Aber es kann gelingen, mit einem Quäntchen Glück zur richtigen Zeit bei der passenden Ausschreibung zu landen.

 

Frage: Du bist jetzt seit über zwei Jahren Teil des Retresco Teams und hast gerade einen wichtigen Rollenwechsel in eine Führungsrolle vollzogen. Wie war der Übergang von Language Architect zu Team Lead gestaltet? Wie wurde dieser Schritt vorbereitet und welche Unterstützung hast du erhalten?

Viktoria: Als ich das Angebot für die Führungsrolle bekommen habe, habe ich mir erst einmal Bücher zu dem Thema besorgt – aber immer noch nicht zu Ende gelesen. Ansonsten hatte ich das Glück, dass es eine lange Übergangsphase gab, in der mich unser vorheriger Team Lead Stück für Stück auf alle wichtigen Themen und zukünftigen Aufgaben vorbereitet hat, sodass nicht alle Informationen gebündelt auf mich eingeprasselt sind. Neben einem Mentor, mit dem ich mich in kurzen Abständen abspreche, knüpfe ich engeren Kontakt zu den Abteilungen, mit denen ich vorher eher wenig Austausch hatte. Obwohl wir quasi alle im Home Office sind, ist die Erreichbarkeit von allen unkompliziert. Weitere Hilfe beim Rollenwechsel erhoffe mir vom professionellen Training speziell für neue Führungskräfte, das in den nächsten Tagen ansteht. Die größte Unterstützung bekomme ich aber von meinem Team, was mich besonders motiviert.

 

Frage: Neue Jobpositionen gehen häufig mit Erwartungen und Hoffnungen, aber auch mit Herausforderungen einher: Was war deine Motivation, die Rolle als Team Lead zu übernehmen? Was werden – deiner Einschätzung nach – die größten Herausforderungen sein, die dich erwarten?

Viktoria: Die Hauptmotivation war und ist, dass ich gerne Prozesse mitgestalte und mich für andere einsetze. Dass ich zudem auch noch gerne in alle Richtungen kommuniziere und den fachlichen und beruflichen Hintergrund mitbringe, hat für mich dann den Ausschlag gegeben. Die neue Position erlaubt es mir, Entscheidungen zu treffen und schnell umzusetzen, das finde ich sehr effizient in der täglichen Arbeit. Auf persönlicher Ebene freue ich mich vor allem über die Entwicklungsmöglichkeiten, wie z. B. über inhaltlich ganz neue Aufgaben mit mehr Verantwortung und tiefere Einblicke in Unternehmensprozesse sowie die Marktseite. Gleichzeitig liegen da für mich auch die Herausforderungen. Es sind plötzlich viel mehr Dinge, die ich gleichzeitig im Auge behalten muss und die inhaltlich verschiedener nicht sein könnten. Schön finde ich, dass ich parallel zum Team Lead auch immer noch als Linguistin arbeite. Das tue ich nach wie vor am Liebsten: mich mit Sprachen zu befassen und an Sprachdaten herumzubasteln.

 

Frage: Kurz zu deinem privaten Hintergrund: Du hast erst vor Kurzem promoviert und ein Kind bekommen. Wie lässt sich deine neue Position mit deinem Privatleben vereinbaren? Und welchen Einfluss hat aktuell die Covid-19-Pandemie auf die Work-Life-Balance?

Viktoria: Die Promotion war vor dem Einstieg bei Retresco bereits abgeschlossen, es fehlte nur noch die Veröffentlichung. Die Buchpublikation habe ich dann während der Elternzeit und in den ersten Monaten nach dem Wiedereinstieg in Angriff genommen. Als die Firma letztes Jahr ins Home Office gewechselt ist, habe ich mir tatsächlich große Sorgen gemacht, wie gut die Arbeit mit Baby zu Hause gelingen kann. Ich war dann umso überraschter, wie viele positive Seiten ich dem abgewinnen kann, allem voran der Zeitgewinn durch den Wegfall des Arbeitsweges. Aber ich bin auch durchaus sehr privilegiert, das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit: mein Partner kann selbst flexibel von Zuhause aus arbeiten, sodass wir die Kinderbetreuung aufteilen können, und mein Arbeitgeber ermöglicht zu 100% Home Office und geht auf alle Arbeitszeitmodelle auch kurzfristig ein. An welchen Aufgaben ich genau gerade arbeite, ob als Team Lead oder als Linguistin, spielt da nur eine untergeordnete Rolle. Dass das Kind aber immer wieder in Meetings auftaucht, lässt sich zu Hause nicht vermeiden, aber dafür haben alle Verständnis.

 

 

Über Retresco

Retresco befähigt Unternehmen zur automatisierten Erstellung von hochwertigen Texten auf der Basis von Daten. Als Pionier im Bereich der Natural Language Generation entwickelt das Berliner Tech-Unternehmen seit 2008 branchenübergreifende Lösungen zur effizienten und zukunftsfähigen Gestaltung von Geschäftsprozessen.