Interview mit Alexander Siebert, zum Thema automatisierte Texterstellung und Änderungen im Journalismus

23/02/2017, textintern, Interview: Steffanie Gohr

 

textintern-Jubi50_Cover-1

text intern: Die Medienbranche hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Welche Aspekte sind dabei aus Ihrer Sicht ausschlaggebend?

Alexander Siebert: Durch die Digitalisierung treten gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen auf, die sich natürlich auch auf das gesamte Spektrum der Medienbranche von Print über TV und Film bis hin zu Radio auswirken. Die rasante Umsetzung innovativer Ideen, die Einführung neuer Produkte sowie neue disruptive Geschäftsmodelle haben das Verhalten und die Erwartungen von Kunden verändert sowie personalisierte Lösungen, die für jeden Kunden individuell angepasst werden, mehr in den Vordergrund gerückt. Hierauf muss die Medienbranche agil reagieren.

Der Medienkonsum der Menschen wurde vor allem durch die neuen Medien nachhaltig verändert, woraus ungeahnte Möglichkeiten für die Medienbranche und deren Kunden resultieren – Stichworte sind Digitalität, Globalität, Vernetzung und Mobilität. Nun verändert die Technologie zunehmend die Erstellung und Verbreitung von Inhalten. Immer mehr Online-Seiten werden automatisch produziert, reagieren auf einzelne Nutzer und deren persönliche Interessen. Auch verschiedene redaktionelle Aufgaben werden immer häufiger automatisiert. Eine Entwicklung, die sich in den kommenden Jahren weiter verstärken wird.

text intern: Unter welchen Voraussetzungen können Medienhäuser überleben? Was müssen sie leisten?

Siebert: Um in der Medienbranche weiterhin eine führende Rolle einzunehmen, sind strategische Anpassungen und die Neujustierung von Geschäftsprozessen und -modellen auschlaggebend. Auch außergewöhnliche Produkte, die das Online-Leben der Konsumenten erleichtern, dürfen nicht fehlen. Personalisierungslösungen von Inhalten und Services, individuell für jeden einzelnen Kunden maßgeschneidert, sind nicht nur innovative Zukunftsmusik. Die dafür notwendigen Technologien müssen Medienhäuser zum richtigen Zeitpunkt adaptieren, um die Erwartung ihrer Kunden auch in Zukunft erfüllen zu können.

text intern: Was wünschen Sie der Medienbranche, gerade den Verlagshäusern, und was kann Retresco dazu beitragen?

Siebert: Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass gerade Verlagshäuser bereits sehr flexibel agieren und zumindest versuchen, schnell auf technische Innovationen zu reagieren und diese für sich zu adaptieren. Viele haben auch das Potenzial der automatischen Textgenerierung erkannt und arbeiten auf diesem Gebiet mit uns an zukunftsweisenden Lösungen. Die Generierung von Texten ist die konsequente Erweiterung unseres Angebots zur Content-Automatisierung und eröffnet unseren Kunden und uns neue Perspektiven. Ich wünsche den Medienhäusern, dass es ihnen gelingt, den Einsatz dieser neuen Technologien nicht als Ersatz für Arbeitskräfte zu verstehen, sondern als Möglichkeit für die Entwicklung gänzlich neuer hochinnovativer Geschäftsmodelle. Um diese Innovationen einzusetzen, braucht es Mut und Investitionsbereitschaft.

text intern: Welche Leistungen erbringt Retresco konkret für Kunden wie Axel Springer, FAZ.NET und United Internet?

Siebert: Wir sind stolz darauf, dass namhafte Größen der deutschsprachigen Medienbranche zu unseren Kunden gehören. Auch Heise, Freenet, simpleshow oder die NZZ vertrauen uns, die passenden Lösungen für sie zu finden. Im Kern automatisieren wir mit unseren Produkten die inhaltlichen Angebote und Prozesse Content-getriebener Organisationen. Unsere Lösungen helfen, die Sichtbarkeit von Inhalten zu optimieren, das Nutzerengagement zu steigern und erleichtern die tägliche redaktionelle Arbeit. Unser Themen -Management -System ergänzt beispielsweise jedes Content Management System und automatisiert die Ausspielung von Inhalten auf Webseiten, indem es Content passend zur Nachfrage bündelt.

text intern: Warum wird es ohne automatische Textgenerierung künftig nicht mehr gehen? In welchen Bereichen? Für welche Verlage?

Siebert: Sämtliche Inhalte, die datengetrieben sind, wie etwa Wetter-, Sport- und Finanzberichte, sind sehr gut und auf einem Niveau automatisierbar, dass sie nicht von menschlich-erstellten Texten zu unterscheiden sind. Die Automatisierung ermöglicht in diesen Bereichen die Produktion großer Textmengen, in Echtzeit und individualisiert, nach den Interessen jedes einzelnen Users. So entsteht ein Angebot, dass mit händisch redaktionellem Aufwand nicht wirtschaftlich realisierbar wäre. Daten bilden die Grundlage für die automatische Textgenerierung. Häufig wird dieser Teil von den Verlagen noch vernachlässigt. Diese Lücke muss gefüllt werden.

text intern: Wie wichtig ist vor der Texterstellung die Analyse der Themen und Kundenwünsche in den Sozialen Medien?

Siebert: Die Sozialen Medien können ein wirksamer Kanal für Themen und kurzfristige Trends sein. Langfristig aber nutzen unsere Lösungen vor allem eine Mischung von Kanälen, um die aktuelle Nachfrage zu berechnen. Je nach Anwendungsfall sind Google, Wikipedia, Facebook, Twitter oder auch Amazon gute Indikatoren für langfristige Themen und Trends, auf die sich Angebote besser optimieren lassen.

text intern: Was ist zur redaktionellen Qualität zu sagen?

Siebert: Die Berichte, die wir tagtäglich automatisch für unsere Kunden veröffentlichen, sind nahezu identisch mit Berichten, die von Redakteuren geschrieben werden. Dies lässt sich quantitativ durch Nutzungskennzahlen sowie qualitativ durch verschiedene empirische Studien nachweisen, die aufzeigen, dass Nutzer den Unterschied nicht erkennen. Mit zunehmender Datenmenge lassen sich zudem Varianten und Umfang der Berichterstattung weiter steigern.

text intern: Müssen Journalisten Angst haben vor der Technologie?

Siebert: Nein, auch wenn intelligente Software einen Journalisten entlasten kann, wird sie ihn nicht ersetzen. Die emotionale Ebene, die Intuition und die damit verbundene Subjektivität können von Robotern nicht dargestellt werden. Deshalb freundet sich die Branche mehr und mehr mit dem Gedanken der automatischen Textgenerierung an und nutzt den technologischen Vorteil, die sie mit sich bringt. Die Zusammenarbeit von Mensch und Roboter kostet keine Mitarbeiter, sondern erhöht Qualität und sichert Marktanteile sowie Wettbewerbsvorteile. Allerdings wird sich das Berufsbild des Journalisten in den kommenden Jahren verändern, denn die Maschinen müssen gewissermaßen mit relevanten Daten gefüttert werden.

text intern: Retresco hat zusätzliche Investoren gewonnen. Welche Tätigkeiten sind nun geplant?

Siebert: Unser Ziel ist es, auf unsere existierenden Qualitätslösungen aufzubauen und unsere Aktivitäten in verschiedenen Sprachen vor allem in den Bereichen der Content-Automatisierung und der automatischen Textgenerierung auszubauen. Des Weiteren forcieren wir mit unseren Lösungen den Eintritt in andere Märkte wie dem E-Commerce oder die Finanzindustrie, wo große Mengen an Inhalten geschrieben und digital verarbeitet werden. Unsere Lösungen können hier gezielt eingesetzt werden, um die Abläufe an verschiedenen Stellen der Wertschöpfungskette durch automatisierte Kommunikation optimal zu unterstützen.

Quelle: text intern, Jubiläumsausgabe 50 Jahre, 23.02.2017